Digitales Gründungsmekka: So funktioniert das Innovationssystem des Silicon Valley

© Gina Sanders / Fotolia

Die Digitalisierung mit ihren gravierenden Folgen für Wirtschaft und Arbeitswelt ist nicht nur in den Strategieabteilungen deutscher Unternehmen ein zentrales Thema – auch und vor allem Start-ups müssen sich damit auseinandersetzen. Wer die Bedeutung des historischen Umbruchs in seiner Radikalität und Komplexität verstehen will, muss den Blick ins Silicon Valley richten.

 

 

ISF-Wissenschaftler haben in Kalifornien im Rahmen des BMBF-Projekts digit-DL das Zentrum der neuen digitalen Ökonomie unter die Lupe genommen. Sie analysieren ein soziales Biotop, das mit großer Technikgläubigkeit und viel Geld die Transformation forciert. Die Experten sind überzeugt: Die Wirtschaft hierzulande wird einen anderen Weg ins digitale Zeitalter finden müssen.

„In der Bay Area vollzieht sich gerade ein Katapultstart in die digitale Gesellschaft“, berichteten PD Dr. Andreas Boes, Vorstandsmitglied des Instituts für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF München) e.V., und Dr. Tobias Kämpf, Wissenschaftler am ISF im Rahmen der zweiten digit-DL-Konferenz zum Thema „Disruptiver Wandel: Gute Arbeit in der digitalen Ökonomie neu gestalten“.

Neben einem Ökosystem aus globalen IT-Konzernen und Start-ups, renommierten Universitäten und schnell verfügbarem Risikokapital kennzeichne das Silicon Valley vor allem eines, erklärten die beiden Soziologen: „Die Akteure dort haben die Bedeutung des Informationsraums als globaler und permanent verfügbarer gesellschaftlicher Handlungsraum und Fundament moderner Wertschöpfungsprozesse erkannt und nutzen ihn konsequent.“

Vier Weisheiten aus dem Digital-Mekka

Auf der Basis empirischer Erhebungen, die Boes und sein Forschungsteam „Informatisierung der Gesellschaft und Zukunft der Arbeit“ im Laufe ihres 14-tägigen Aufenthalts in Kalifornien durchgeführt haben, identifizieren die Experten vier Trends. So ist das „Internet der Dinge“ weit mehr als eine neue Technologie zur Automatisierung der Produktion. Tatsächlich produzieren die weltweit vernetzten Sensoren ein digitales Abbild der realen Welt in Echtzeit: „Alles, was wir tun und was passiert, kann gemessen, analysiert und ausgewertet werden“, sagt Tobias Kämpf. Offen sei, wer am Ende davon profitiere.

Ein weiteres Szenario, das sich abzeichnet, ist die „Disruption der Arbeitsmärke“ in Folge neuer Produktionsmodelle wie Cloudworking und Crowdsourcing. Unternehmen rekrutieren dort selbst für hochqualifizierte Tätigkeiten bedarfsgerecht und flexibel Arbeitskräfte, die im Netz weltweit zur Verfügung stehen und nach dem Prinzip der „Gamification“ für einen Job gegeneinander antreten. „Wenn dies zur Regel und darüber das Arbeitsrecht zur Disposition gestellt wird, verschieben sich die Kräfteverhältnisse in der Arbeitswelt grundlegend“, warnt der Soziologe.

Das Silicon Valley zeigt auch, wie Arbeit im Informationsraum immer transparenter und messbarer wird: Unternehmen erfassen Daten und Kundenkontakte ihrer Vertriebsmitarbeiter, Beschäftigte dokumentieren tagesaktuell und sichtbar für alle den Stand ihrer Arbeit, ihre Kommunikation in den sozialen Medien wird gescannt. Dies diene nicht nur der Optimierung von Prozessen, sondern auch der gezielten Kontrolle und Steuerung von Menschen, glaubt Andreas Boes.

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Wie im digitalen Gründungsmekka völlig neue Geschäftsmodelle entstehen, führt gerade die Automobilindustrie vor. Innovationen in dieser Branche drehen sich fast nur noch um die Frage, wie die Millionen Bytes von Daten, die ein Auto liefert, gewinnbringend für neue Funktionalitäten, das autonome Fahren oder für die Entwicklung gänzlich neuer Mobilitätskonzepte genutzt werden können. Entscheidend ist, wer künftig an der Spitze der Wertschöpfungsketten steht und wem es gelingt, sich mit neuen Geschäftsmodellen am Markt zu etablieren.

Insgesamt sei die Dynamik im Silicon Valley beeindruckend, bilanzieren Boes und Kämpf. Doch auf reife Volkswirtschaften wie Deutschland sei die dortige Philosophie nur sehr begrenzt übertragbar. „Naiver Technizismus ist zudem kein Ersatz für eine verantwortungsvolle und nachhaltige Gestaltung des Wandels durch Gesellschaft und Politik.“ Entscheidend sei, ob der Informationsraum als Vehikel für ein digitales Fließband und ein Kontrollpanoptikum der Daten genutzt werde oder als Ausgangsbasis für ein Mehr an Empowerment der Menschen.

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3. Februar 2016

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