Selbstständig machen als Anwalt – So gründest du deine eigene Kanzlei

“Wenn es keine schlechten Menschen gäbe, gäbe es keine guten Juristen.” Sagte Charles Dickens. Stimmt aber nicht ganz: Das Berufsfeld von freien Juristen ist nicht nur, Kriminelle zu vertreten. Das Wald & Wiesen Geschäft besteht eher aus Verträgen, Vereinbarungen und Ratschlägen. Wie ihr selbstständig als Anwalt werden könnt, erfahrt ihr in diesem Fachartikel.

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Schritt 1: Formalien Uni, Anwaltskammer & Finanzamt

An einem Uni-Studium der Rechtswissenschaften kommt ihr nicht vorbei. Habt ihr das erfolgreich mit dem Ersten Staatsexamen abgeschlossen, wartet die Zweite Juristischen Prüfung (früher Zweites Staatsexamen genannt).

Anmeldung bei der Anwaltskammer

Doch dann seid ihr noch nicht automatisch Rechtsanwalt. Ihr müsst eine Zulassung bei der für euch zuständigen Rechtsanwaltskammer am Oberlandesgericht beantragen. Erst nach der Zulassung darf die Tätigkeit unter der Berufsbezeichnung „Rechtsanwältin“ oder „Rechtsanwalt“ ausgeübt werden. Voraussetzungen dafür:

  • Unbestraftheit
  • geordnete finanzielle Verhältnisse
  • Verzicht auf mit der Anwaltszulassung unvereinbare Tätigkeiten
  • Befähigung zum Richteramt
  • abgeschlossene Berufshaftpflichtversicherung

Auch wenn Ihr eine eigene Kanzlei eröffnet, muss das an die regionale Rechtsanwaltskammer gemeldet werden. Dabei dürft ihr nur in dem Bezirk der Rechtsanwaltskammer eine Kanzlei einrichten, in dem du auch Mitglied bist.

Anmeldung beim Finanzamt

Wie jeder Selbstständige müsst ihr euch beim Finanzamt melden. Darauf hin erteilt euch das Amt eine Steuernummer und wird über einen Betriebseröffnungsbogen weitere Unternehmensdetails abfragen.

Personal: Agentur für Arbeit, Krankenkasse und Berufsgenossenschaft

Plant ihr, gleich zu Beginn Mitarbeiter in eurer Kanzlei anzustellen, werden weitere Meldungen fällig.

Bei der örtlichen Agentur für Arbeit benötigt ihr eine Betriebsnummer.

Bei der Krankenkasse meldet ihr alle sozialversicherungspflichtigen Mitarbeiter an, daraus ergeben sich auch Meldungen an die Renten- und Arbeitslosenversicherung.

Über die Verwaltungsberufsgenossenschaft, die Träger der gesetzlichen Unfallversicherung, werden alle Mitarbeiter ebenfalls versichert.

Und auch dem Finanzamt müsst ihr Meldung über eure Mitarbeiter machen. Rechtsanwälte sind Freiberufler und keine Gewerbetreibenden – das heisst, eine Meldung beim Gewerbeamt fällt für euch weg.

Schritt 2: Sozietät, Bürogemeinschaft oder Einzelkämpfer?

Grundsätzlich: Wie bei allen Selbstständigen solltet auch ihr darüber nachdenken, nicht gleich nach dem Studium ins kalte Wasser zu springen sondern erst mal Erfahrungen zu sammeln. Anwalt in einer bestehenden Kanzlei, angestellt und mit gesichertem Lohn, kann euch helfen, den Alltag des Berufslebens zu verstehen, vielleicht auch erste Mandanten zu betreuen und damit vielleicht sogar einen ersten potenziell eigenen Kundenstamm aufzubauen. Prinzipiell müsst ihr eure Kanzlei nicht alleine gründen sondern euch gleich mit einem Partner zusammentun. Ein Anwaltsteam wirkt unter Umständen professioneller, ihr könnt verschiedene Fachrichtungen und Spezialisierungen anbieten und teilt euch die Kosten.

Die eigene Praxis – ein paar Gegenargumente

Die Juristin Dr. Geertje Tutschka ist nicht nur Präsidentin der deutschen Sektion der International Coach Federation (ICF) sondern arbeitet als Beraterin und Coach für Anwälte. In ihrem Fachbuch  „Kanzleigründung und Kanzleimanagement beschäftigt sie sich mit dem Gründungsthema “Selbstständig als Anwalt” und hat ein paar gewichtige Argumente, warum ihr keine Kanzlei gründen solltet. Oder anders formuliert: Worauf ihr euch einstellen solltet, wenn ihr es doch tut:

Argument 1: Gesetzliche Begrenzungen behindern die Kanzleien

Der Anwaltsberuf ist zwar ein freier Beruf. Tatsächlich aber ist seine Ausübung berufsrechtlich begrenzt: Regelungen zur branchenübergreifenden Kooperation, zum Marketing, zur Ausbildung, zur Vergütung und Zulassung etc. machen Anwälten das Berufsleben schwer.

Die gesetzlichen Reglementierungen der Anwaltschaft sind nicht mehr zeitgemäß.

Dr. Geertje Tutschka

Argument 2: Die Kanzleigründung als “Blindflug”

In vielen vor allem kleinen und mittelkleinen Kanzleien sei ein gewisser Stillstand eingetreten, gesundes Wachstum von Umsätzen und Gewinnen fehle. Allerdings würden die bürokratischen Hürden zur Schließung einer unwirtschaftlichen Kanzlei wegen Insolvenz dazu führen, dass Kanzleien aufrecht erhalten werden, die eigentlich nicht mehr funktionieren. Das blockiere Antrieb, Innovation und Entwicklung in der Branche, so Dr. Tutschka. Und:

… das mit einer Kanzleigründung verbundene unternehmerische Risiko [wird] damit nur schwer bewertbar, was es Finanzdienstleistern und Gründern gleichermaßen schwer macht, eine realistische Einschätzung vorzunehmen und eine Kanzleigründung zu einem “Blindflug” machen kann.

Dr. Geertje Tutschka

Argument 3: Kompetenzgrenzen des Juristen als Unternehmer

Kurz gesagt steckt hinter dieser These: Anwälte mögen sich gut im Recht auskennen, wirtschaften können sie deshalb noch lange nicht. Das bestätigt eine aktuelle Umfrage des ffi-Verlages zur Legal-Tech in der Anwaltschaft: Die Hälfte der befragten Inhaber kleiner und mittlerer Kanzleien kennen sich nach eigener Aussage “weniger gut” in unternehmerischen Themen aus und nutzen keinerlei Tools aus dem Business Development.

… die erfolgreiche Kanzleigründung und –führung ist komplexer geworden … Die Digitalisierung hat ungeahnte Möglichkeiten eröffnet aber auch Risiken gebracht. Neue Entwicklungen finden schneller statt, so dass man ohne entsprechenden Einsatz kaum Schritt halten kann.

Dr. Geertje Tutschka

Argument 4: Kapazitätsgrenze limitiert den Gründer

Ein Klassiker wohl schon in allen Branchen und auch bei Anwälten Thema:

Das Finden guter neuer Mitarbeiter, um den Anforderungen gerecht zu werden, bereitet große Schwierigkeiten. Allgemein gibt es zuviel Arbeit für zuwenig Personal. Auch dadurch ist Wachstum kaum möglich …

Dr. Geertje Tutschka

Argument 5: Persönliche Grenzen und Ziele

Und wer nicht am Arbeitsalltag scheitert, der kommt spätestens mit den heutigen Vorstellungen von Work-Life-Balance in Konflikt. Denn selbstständiger Anwalt… das ist selbst, ständig und dann noch mit jeder Menge schwerer Fälle.

Kanzleiinhaber gibt an, keine Zeit für die wichtigen Dinge im Leben zu haben.

Dr. Geertje Tutschka

Die eigene Praxis – Ergo aus den Gegenargumenten

Die Argumente von Dr. Geertje Tutschka gegen die Gründung einer eigenen Anwaltspraxis ist natürlich ein bisschen Provokation. Sie fordert: schaut genauer hin. Wer heute eine Praxis aufmacht, der muss mehr wissen, als in den Jura-Nachschlagewerken steht. Die Praxis ist eine Business und das bedeutet, ihr müsst euch über Marketing, IT, Buchhaltung, Kooperation, Business Development und all diese Themen der BWLer Gedanken machen. Sonst riskiert ihr nicht nur die Pleite sondern (siehe Argument 2) sogar die ewige Schleife der Beinahe-Pleite ohne Ausweg. Deshalb, auch wenn es schwer fällt, schreibt am Anfang eurer Gründung einen …

Schritt 3: Businessplan | Standort & Spezialisierung

Jede Gründung benötigt einen Plan, und den nennt man Businessplan. Wie der aussieht, was da rein soll und wie er euch hilft, gut zu starten, erfahrt ihr hier:

Businessplan erstellen

Die Gründerküche Checkliste

Wichtiges Elemente eures Businessplans: Der Standort

Gut an das öffentliche Verkehrsnetz angebunden, in der Nähe zu ortsansässigen Gerichten – euer Büro hat damit einen Wettbewerbsvorteil, wird aber wahrscheinlich auch entsprechend kosten.

In jedem Falle solltet ihr auf die Umgebung achten: Wie wirkt sie auf euch und damit auf eure Mandant? Gibt es Möglichkeiten zur Außenwerbung bzw. für ein großes Kanzleischild? Gibt es Parkplätze?

Damit eng verbunden: Wettbewerbsanalyse

Wie viele Anwälte einer Fachrichtung gibt es schon? Wie hoch ist der Bedarf? Gibt es aktuell noch eine Lücke?

Indem ihr euch anschaut, was es schon gibt, könnt ihr auch lernen, wie ihr eure Kanzlei aufbauen solltet. Gibt es Fachgebiete, die sich hier mehr lohnen?

Schritt 4: Finanzen und Sicherheiten

Jede Gründung kostet, folgende Faktoren solltet ihr kalkulieren:

  • Büromiete (ggfl. zuzüglich Maklercourtage und Renovierungskosten)
  • Erstausstattung des Büros
  • Beratungskosten für die Gründung (zB Steuerberater)
  • Seminar- und Weiterbildungskosten
  • Marketingkosten (Website, Visitenkarten, Branchenbuch-Einträge usw)

Gerade in der Ausstattung eures Büros solltet ihr ein bisschen Zeit und auch Geld investieren: Zum einen ist das der Ort, an dem ihr viele Stunden verbringen werdet – ihr solltet euch also wohl fühlen. Zum anderen zeigt ihr mit einer geschmackvollen Einrichtung, bequemen Sesseln und angenehmen Licht euren Klienten, dass sie bei euch gewertschätzt werden.
Gut heisst da nicht immer teuer. Achtet lieber auf wenige dafür schöne Einrichtungsgegenstände. Schnell fündig werdet ihr da sicher bei auf Büromöbel spezialisierten Anbietern, etwa im trendline-shop.de.

Folgende laufende Kosten solltet ihr einplanen:

  • Büromiete, Instandhaltungskosten, Reinigung
  • Bürobedarf
  • Versicherungen (Berufshaftpflicht ist unumgänglich und schon zu Beginn abzuschliessen)
  • Telefon,Internet, Strom, Wasser
  • eventuell Kosten für Firmenwagen
  • Akquisitions- und Werbungskosten
  • Reisen und Bewirtung
  • Fortbildungskosten
  • Personalkosten
  • Steuern
  • Beiträge zu Verbänden und Kammern
  • Dienstleistungen wie Steuererklärungen

In einem Rentabilitätsplan stellt ihre eure Einnahmen und Ausgaben gegenüber, berechnet dabei auch den Unternehmerlohn (also das Geld, dass ihr mindestens aus der Kanzlei nehmen wollt, um davon zu leben). Die Rechnung aus den Einnahmen und Ausgaben zeigt euch, ab welchen Einkünften ihr kostendeckend, mit Gewinn usw arbeitet.

Finanzierungshilfen für Anwälte

Jede Gründung benötigt Startkapital – und auch wenn es für eine Anwaltskanzlei nicht tausende Euro benötigt … ganz ohne geht auch nicht. Unter Umständen können euch staatliche Programme unterstützen:

Gründungszuschuss

Falls ihr aus der Arbeitslosigkeit heraus eure Kanzlei eröffnen wollt, könnte der Gründungszuschuss helfen. Tipp: Die Rechtsanwaltskammern geben als fachkundige Stelle zur Tragfähigkeit der Existenzgründung die erforderliche Stellungnahme für Rechtsanwälte ab. Wie ihr den Gründungszuschuss beantragt. lest ihr hier:

Checkliste (pdf) Gründungszuschuss 2020 beantragen | Anleitung zum kostenlosen Download

Förderung für Unternehmensberatung

Kostenpflichtige Beratung durch Unternehmensberater wird vom Bund durch einen Zuschuss an den Beratungskosten unterstützt. Eine Übersicht dazu findet ihr hier:

Beratungsförderung für Gründer (Teil 1): Vor der Gründung | Überblick über Beratungsangebote für Gründer

Sprechtage für freiberufliche Existenzgründer

Das Institut für freie Berufe (IFB) bietet das gesamte Jahr über zahlreiche Sprechtage für Existenzgründer-/innen in freien Berufen an. Hier habt ihr auch die Möglichkeit, offene Fragen zu klären und euer Gründungsvorhaben eingehend zu besprechen. Termine und weitere Informationen findet ihr hier. Wollt ihr wissen, wie ihr gut und schnell einen Finanzplan aufstellt? Dann nutzt unser PDF mit allen wichtigen Infos im Schritt für Schritt Verfahren:

Finanzplan erstellen

Die Gründerküche Checkliste

Schritt 5: Mandanten gewinnen | Marketing für Anwälte

Das allerwichtigste: die Akquisition von Mandanten! Wer es nicht glaubt und die Niederungen dieser Aufgabe noch nicht erkannt hat, schaue sich die Netflix Serie Better call Saul! an.

Doch anders als bei Saul sind die Marketingmaßnahmen für deutsche Anwälte beschränkt: Rechtliche Grenzen ergeben sich zum einen aus dem UWG, aber auch aus dem Berufsrecht (Sachlichkeit, Werbung um einzelne Mandate).

Erlaubt sind ein guter Internetauftritt, Unternehmensbroschüren, Vorträge, Veröffentlichungen und Mandantenveranstaltungen sowie Netzwerken.

Mundpropaganda ist das beste Marketing. Wer den Erwartungen seiner Mandanten gerecht wird, wird mit entsprechender Werbung der eigenen Mandanten entlohnt.

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