Traut Euch mehr zu! IT-Grün­de­rin und drei­fa­che Mut­ter Ste­pha­nie Ren­da über Grün­dun­gen von Frauen

Nur jedes zehn­te Start­up wird von Frau­en gegrün­det, weiß die Sta­tis­tik. Dabei schlie­ßen sich erfolg­reich Grün­dun­gen und Fami­lie nicht aus, wie Ste­pha­nie Ren­da beweist. Sie ist erfolg­rei­che Grün­de­rin der Fir­ma match2blue und war in der Grün­dungs­pha­se mit ihrem zwei­ten Kind schwan­ger. Im Inter­view mit Grün­der­kü­che ermu­tigt sie Frau­en, erzählt vom Chau­vi­nis­mus unter VCs und gibt prak­ti­sche Tipps für Gründerinnen.

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Nur jedes zehn­te Start­up wird von Frau­en gegrün­det, weiß die Sta­tis­tik. Dabei schlie­ßen sich erfolg­reich Grün­dun­gen und Fami­lie nicht aus, wie Ste­pha­nie Ren­da beweist. 2008 hat sie zusam­men mit ihrem Mann die Fir­ma match2blue ins Leben geru­fen, die erfolg­reich kom­ple­xe mobi­le Soft­ware­lö­sun­gen für Geschäfts­kun­den pro­du­ziert. In der Grün­dungs­pha­se war Ste­pha­nie Ren­da mit ihrem zwei­ten Kind schwan­ger. Im Inter­view mit Grün­der­kü­che ermu­tigt sie Frau­en dazu, den gro­ßen Schritt zu wagen, erklärt die Bedeu­tung von Role Models und gibt prak­ti­sche Tipps für die Ver­ein­bar­keit von Fami­lie und Beruf.

Grün­der­kü­che: Frau Ren­da, gera­de wur­de im Bun­des­tag über die gesetz­li­che Frau­en­quo­te in Auf­sichts­rä­ten abge­stimmt: War­um wer­den eigent­lich so weni­ge Unter­neh­men, nur etwa jedes zehn­te Start­up, von Frau­en gegründet?

Ste­pha­nie Ren­da: Die Frau­en­quo­te ist unab­hän­gig davon, ob Frau­en grün­den. Frau­en könn­ten Meis­ter ihrer eige­nen unter­neh­me­ri­schen Kar­rie­re sein. War­um sie das nicht tun, ist schwer zu beant­wor­ten. Es gibt einer­seits zu wenig Role Models. Ander­seits stu­die­ren zu wenig Frau­en in den soge­nann­ten MINT-Fächern – Mathe, Infor­ma­tik, Natur­wis­sen­schaf­ten und Tech­nik. Und sie trau­en es sich viel­leicht nicht zu, in die­sen Berei­chen zu grün­den. Viel­leicht scheu­en sie auch das Risi­ko, vor allem das finan­zi­el­le. Wobei man ein Unter­neh­men nicht allei­ne grün­den muss.

Erfolg­reich grün­det man am bes­ten in einem diver­sen Team, nicht nur was das Geschlecht angeht, son­dern auch was die Kom­pe­ten­zen betrifft.

GK: Was kön­nen und sol­len Role Models leisten?

SR: Sie müs­sen auf jeden Fall zei­gen, dass es mög­lich ist, als Frau zu grün­den. Aber das ist nicht alles. Es geht nicht dar­um, eine Super­wo­man zu zei­gen, die alles kann und kriegt, die tol­le Ehe­frau, tol­le Mut­ter und erfolg­rei­che Unter­neh­me­rin ist. Viel­mehr sind Role Models wich­tig, um zu zei­gen, wel­che Schwie­rig­kei­ten es geben kann und wie sie sich meis­tern las­sen. Eine Frau muss nicht per­fekt sein. Role Models soll­ten da sein, um zu unter­stüt­zen und mit prak­ti­schen Tipps zu helfen.

GK: Sehen Sie sich selbst als Role Model? Was wür­den Sie Grün­de­rin­nen auf den Weg geben?

SR: Ehr­lich gesagt, weiß ich nicht, ob ich ein Role Model bin. Mein Weg ist sicher­lich unge­wöhn­lich. Ich habe zum Bei­spiel kei­nen Infor­ma­tik­hin­ter­grund, was einer­seits scha­de ist. Ande­rer­seits eröff­net mir mein geis­tes­wis­sen­schaft­li­ches Stu­di­um ganz ande­re Sicht­wei­sen und Perspektiven.

Was ich Grün­de­rin­nen mit auf den Weg geben wür­de ist, dass sie das Grün­den über­haupt erst ein­mal als Opti­on in Betracht zie­hen. Das bedeu­tet nicht, dass sie sofort nach dem Stu­di­um grün­den müs­sen. Sie kön­nen erst ein­mal Erfah­run­gen sam­meln und zum Bei­spiel in einem Start­up arbei­ten, um zu sehen, ob es ihnen taugt. Aber Frau­en soll­ten den Weg einer Grün­dung als eine Mög­lich­keit wahrnehmen.

Mein Rat ist: Traut Euch mehr zu und scheut Euch nicht davor, um Rat zu fra­gen und aus den Erfah­run­gen von ande­ren zu lernen.

Es ist kein Zei­chen von Schwä­che, sich allen Input rein­zu­ho­len, der hel­fen kann. Abso­lut nicht.

GK: Sie erwähn­ten beson­de­re Per­spek­ti­ven durch Ihr Stu­di­um: Was haben Sie studiert?

SR: Musik­wis­sen­schaf­ten, Phi­lo­so­phie und Sozio­lo­gie. Geis­tes­wis­sen­schaft­ler und Unter­neh­mer haben durch­aus Gemein­sam­kei­ten – das Bestre­ben, den Din­gen auf den Grund zu gehen etwa. Und sie haben bei­de kei­ne Angst, ihre Mei­nun­gen stän­dig zu überprüfen.

GK: Wel­che Erfah­run­gen haben Sie als Frau bei Ihrer eige­nen Grün­dung gemacht?

SR: Ich habe in einem Team mit zwei Män­nern gegrün­det, wir haben uns in unse­ren Kom­pe­ten­zen sehr gut ergänzt. Das Gefühl, eine gedul­de­te Quo­ten­frau zu sein, hat­te ich nicht.

Natür­lich gab es auch Nega­ti­ver­fah­run­gen, ich wur­de zum Bei­spiel mal gebe­ten, den Busi­ness­plan vor­zu­sin­gen. Das war sicher­lich als Scherz gemeint, aber eine völ­lig unpas­sen­de Bemerkung.

Ab einer gewis­sen Alters­gren­ze gibt es bei man­chen Män­nern schon einen gewis­sen Chauvinismus.

GK: War­um haben Sie selbst gegründet?

SR: Es gibt mir die größt­mög­li­che Frei­heit. Auch wenn man als Grün­der nie ganz unab­hän­gig ist, zum Bei­spiel von Geld­ge­bern. Aber ich kann mei­ne Zeit selbst ein­tei­len und muss nicht in der Prä­senz­kul­tur eines Büros dahin­ve­ge­tie­ren. Und ich fin­de es span­nend, Arbeit­ge­ber zu sein und zu sehen, dass ich eine Idee haben kann und ande­re Men­schen dar­an mitarbeiten.

GK: Hat­ten Sie damals schon Kinder?

SR: Das zwei­te Kind war unter­wegs. Drei Wochen vor der Geburt unse­res Soh­nes haben wir unse­ren ers­ten Mit­ar­bei­ter ein­ge­stellt. Ich fin­de es nicht schlecht, in der Kin­der­pha­se zu grün­den. Je jün­ger man ist, umso belast­ba­rer ist man.

GK: Wie haben Sie Fami­lie und Beruf unter einen Hut gebracht? Wel­che kon­kre­ten Rat­schlä­ge haben Sie für poten­ti­el­le Grün­de­rin­nen, die auch Fami­lie haben wollen?

SR: Klar ist, dass ein gro­ßes Orga­ni­sa­ti­ons­ge­schick erfor­der­lich ist. Und man braucht viel Ein­sicht vom Part­ner. Ich habe zusam­men mit mei­nem Mann gegrün­det, da war das Ver­ständ­nis natür­lich da. Wenn­gleich es auch bei uns etwas Geran­gel gab hin­sicht­lich der Ter­mi­ne und Auf­ga­ben. Ein Netz­werk ist da immer hilf­reich: Ohne Groß­el­tern, Baby­sit­ter und Ganz­tags­ein­rich­tun­gen geht es nicht, wenn man sich nicht ein­fach nur die Klin­ke in die Hand geben und mehr als fünf Stun­den pro Tag arbei­ten will.

GK: Wie vie­le Stun­den arbei­ten Sie pro Tag?

Sehr unter­schied­lich. Am Anfang der Unter­neh­mens­grün­dung arbei­te­te ich hal­be Näch­te durch. Letz­tes Jahr kam unser drit­tes Kind zur Welt, da habe ich natür­lich weni­ger gear­bei­tet. Es ist schwer, die genaue Stun­den­zahl zu sagen. Manch­mal acht, manch­mal zwölf bis 14 Stunden.

GK: Grün­den Frau­en anders als Männer?

SR: Es gibt The­sen, dass Frau­en nach­hal­ti­ger grün­den, weil sie weni­ger Risi­ko gehen. Sie über­le­gen mehr, sind eher Beden­ken­trä­ger und anti­zi­pie­ren etwai­ge Pro­ble­me und Stol­per­stei­ne mehr. Män­ner gehen eher vor­wärts und neh­men Risi­ken in Kauf.

GK: Baby­sa­chen, Yoga, Coa­ching & Bera­tung: War­um grün­den Frau­en oft in ähn­li­chen Bran­chen? Oder täuscht der Eindruck?

SR: Ich wür­de unter­schei­den zwi­schen Exis­tenz­grün­de­rin­nen, wo ich mich nicht so gut aus­ken­ne und Start­up-Grün­de­rin­nen. In dem Bereich gibt es natür­lich auch eine Häu­fung bei „Frau­en“- The­men wie Blu­men­ver­sand und Baby­sa­chen. Das muss nicht schlecht sein.

Frau­en beset­zen die Nischen, die Män­ner außen vor las­sen. Ein Win­del­ver­sand muss nicht weni­ger lukra­tiv sein, als ein Markt­platz für Uhren im Internet.

Und: Das ist dann sogar glaub­wür­di­ger, weil ihnen das The­ma näher ist. Aller­dings gibt es auch erfolg­rei­che Grün­de­rin­nen, die in ande­ren Berei­chen unter­wegs sind. Es gibt kei­nen Zwang, dass sich Frau­en auf Baby­sa­chen, Yoga und Coa­ching beschränken.

GK: Kom­men Frau­en schwie­ri­ger an Ven­ture Capi­tal? Wenn ja, warum?

SR: Soviel Ven­ture Capi­tal gibt es in Deutsch­land gar nicht. Die Ein­stiegs­hür­de ist schon das Seed-Fun­ding. Wenn man den durch­schnitt­li­chen Busi­ness Angel in der Alters­klas­se Ü50 ansie­delt, der zuhau­se ein tra­dier­tes Rol­len­mo­dell lebt, kann die Sache schon da scheitern.

An wen man sein Geld gibt, liegt neben Busi­ness­plan und Geschäfts­mo­dell auch am Bauch­ge­fühl. Da sieht sich der gereif­te Busi­ness Angel eher im 25-jäh­ri­gen Jung­spund und traut einem Mann mehr zu, weil er sich selbst wiederfindet.

Wenn es dann um Ven­ture Capi­tal geht, gibt es natür­lich auch Sprü­che wie: „Sie wol­len gleich­zei­tig eine Fami­lie haben? Wir erwar­ten, dass sie 80 Stun­den pro Woche arbei­ten. Das geht ja gar nicht.“ Das bekom­men aber nur Frau­en zu hören.

GK: Haben Sie ein­schlä­gi­ge Erfah­run­gen gemacht?

SR: Wir waren geschickt genug, nicht zu the­ma­ti­sie­ren, dass wir ver­hei­ra­tet sind und Kin­der haben. Unser VC beka­men wir von einem Regio­nal­fond unter dem Dach der Inves­ti­ti­ons- und Struk­tur­bank Rhein­land-Pfalz, die ohne­hin eher nach nach­hal­ti­gen Geschäfts­mo­del­len Aus­schau hal­ten, als auf einen schnel­len Return of Equi­ty zu set­zen. Es kommt ein biss­chen auf den Part­ner an.

GK: Müs­sen Frau­en ler­nen, bes­ser zu netz­wer­ken? Wie?

SR: Frau­en ver­ges­sen oft, dass ein Fei­er­abend-Bier­chen wich­tig sein kann. Netz­wer­ken gehört dazu und ist wichtig.

Frau­en müs­sen ler­nen, beim Netz­wer­ken auf ande­re zuzu­ge­hen, nicht zu schüch­tern zu sein und selbst auch mal For­de­run­gen zu stel­len. Das typi­sche Pro­sec­co-Trin­ken, bei dem Frau­en unter sich blei­ben, ist nicht so günstig.

Dabei geht es nicht dar­um, sich wie Män­ner zu gebär­den. Aber vie­le Geschäfts­part­ner sind männ­lich, man muss sie da abho­len wo sie sind. Das kann lan­ge The­ken­aben­de bedeu­ten oder auch mal ein Fußballspiel.

Zur Per­son Ste­pha­nie Renda

stephanie-renda-interviewNach ihrem geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Stu­di­um (Musik­wis­sen­schaft, Phi­lo­so­phie, Sozio­lo­gie) grün­de­te Ste­pha­nie Ren­da 2008 zusam­men mit ihrem Mann die Fir­ma match2blue. Sie ist nicht nur Geschäfts­füh­re­rin eines erfolg­rei­chen Unter­neh­mens für mobi­le Echt­zeit­lö­sun­gen, son­dern auch drei­fa­che Mut­ter. „Eine Fra­ge der Orga­ni­sa­ti­on“ sagt sie und hat sogar Zeit, als stell­ver­tre­ten­de Vor­sit­zen­de des Bei­rats Jun­ge Digi­ta­le Wirt­schaft beim Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Wirt­schaft und Tech­no­lo­gie und im Vor­stand des Bun­des­ver­band Deut­sche Start­ups zu arbei­ten. Sie will dafür sor­gen, dass erfolg­rei­che Grün­de­rin­nen ihr Wis­sen und ihre Erfah­run­gen mit Neu­grün­de­rin­nen teilen.

 

 

 

 

 

Ste­pha­nie Ron­da spricht auf dem Start­up Camp 2015. Mehr hier:

startup-camp-2015

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