Gefahr von hybriden Angriffen: Ohne Internet steht nach einem Tag alles still
8 von 10 Unternehmen erwarten ernsthafte Krisen in Deutschland als Folge hybrider Angriffe: Lediglich 12 Prozent halten sich für gut vorbereitet. Im Schnitt können Unternehmen ihr Geschäft nur 20 Stunden aufrechterhalten.
Stromausfall durch zerstörte Leitungen, gezielte Sabotage von Internetkabeln in der Ostsee oder mit Ransomware lahmgelegte Fabriken: Deutschland ist Ziel von digitalen und klassischen Angriffen, zugleich ist die deutsche Wirtschaft schlecht auf solche hybriden Bedrohungen vorbereitet.
Bei einem Internetausfall könnten Unternehmen im Schnitt ihren Geschäftsbetrieb nur 20 Stunden aufrechterhalten, jedes fünfte (21 Prozent) müsste sogar sofort die Arbeit einstellen. Umgekehrt sind nur 8 Prozent sicher, länger als 48 Stunden weiterarbeiten zu können. Zugleich rechnen drei Viertel der Unternehmen (74 Prozent) wegen der zunehmenden Spannungen zwischen Russland und der NATO mit einer erhöhten Gefahr hybrider Angriffe, 8 von 10 (83 Prozent) erwarten eine ernsthafte Krise in Deutschland in Folge von hybriden Angriffen. Das sind Ergebnisse einer Befragung von 604 Unternehmen ab 10 Beschäftigten in Deutschland im Auftrag des Digitalverbands Bitkom, die im Vorfeld der Münchener Sicherheitskonferenz und der Munich Cyber Security Conference vorgestellt wurde.
„Anfang Januar mussten nach einem Anschlag mehr als 100.000 Menschen in Berlin bei Minustemperaturen tagelang ohne Strom auskommen, mehr als 2000 Unternehmen waren betroffen. Hybride Angriffe auf Deutschland, die sich in einer Grauzone zwischen Krieg und Frieden abspielen, sind kein potenzielles Risiko, sie sind Realität. Deshalb müssen wir die Resilienz von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft massiv hochfahren“, sagt Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst.
Energieversorgung, Finanzwesen und Kommunikation im Fokus
Als besonders gefährdet gelten nach Ansicht der Unternehmen die Energieversorgung (90 Prozent) sowie Banken und Versicherungen (89 Prozent). 77 Prozent sagen, die Wasser- und Abwasserversorgung sei stark gefährdet, 67 Prozent die Lebensmittelversorgung, 65 Prozent das Gesundheitswesen mit Krankenhäusern und Ärzten und 64 Prozent Telekommunikation und IT.
Rund die Hälfte nennen Transport und Verkehr (54 Prozent) sowie die öffentliche Verwaltung (50 Prozent). Schlusslichter sind die Abfallentsorgung (28 Prozent) sowie Medien und Kultur (21 Prozent). Große Auswirkungen auf das eigene Unternehmen hätten demnach erfolgreiche Attacken auf die Energieversorgung (97 Prozent), Banken und Versicherungen (88 Prozent) sowie Telekommunikation und IT (85 Prozent). Dahinter folgen Wasserversorgung (69 Prozent) sowie Transport und Verkehr (67 Prozent).
Schutz ist oft Chefsache, wird aber nur selten umgesetzt
Die Wirtschaft ist nicht nur indirekt von hybriden Angriffen betroffen, Unternehmen werden auch ganz unmittelbar Opfer von Cyberangriffen und Sabotage. Eine deutliche Mehrheit von 59 Prozent hält es für wahrscheinlich, selbst Ziel hybrider Angriffe zu werden, bei 61 Prozent ist der Schutz vor diesen Attacken Chefsache. Zugleich hält sich kein Unternehmen für sehr gut darauf vorbereitet, nur 12 Prozent für eher gut. 38 Prozent geben an, eher schlecht vorbereitet zu sein, weitere 40 Prozent sind gar nicht vorbereitet: 35 Prozent planen aber, Vorkehrungen zu treffen, 5 Prozent haben das nicht vor.
Im Fall einer militärischen Auseinandersetzung stehen Unternehmen auch vor einer ungewohnten Herausforderung: Viele Beschäftigte, die beim Zivilschutz oder bei der Bundeswehr tätig sind, könnten im Job fehlen. Nur 30 Prozent der Unternehmen haben einen guten Überblick, wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den Zivilschutz unterstützen, etwa bei Feuerwehren oder Technischem Hilfswerk.
Behörden informieren noch nicht gut genug
Ein Problem für die Unternehmen sind fehlende Informationen über mögliche hybride Angriffe. Nur rund jedes fünfte Unternehmen (22 Prozent) fühlt sich aktuell ausreichend durch Sicherheitsbehörden informiert. Zugleich erwarten 80 Prozent im Fall eines hybriden Angriffs die verlässlichsten Informationen von staatlichen Stellen wie dem BSI oder dem Katastrophenschutz.
Alle Ergebnisse der Befragung gibt es hier.