Gründen in Mainz – Das müsst ihr über das Gründerökosystem wissen

Die Mainzer Startup-Szene tritt aus dem Schatten ihrer erdrückenden Nachbarn und zeigt, was sie kann. Mit Biontech kann sie ein großartiges Gründerbeispiel aus der wichtigsten Branche der Stadt vorweisen: Biotech. Was das Mainzer Gründerökosystem ausmacht und welche wichtigen Faktoren Gründer hier finden, erfahrt ihr hier.

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Die kleine Rheinland-Pfalz mit ihrer Hauptstadt Mainz hat es nicht besonders leicht, auf der Startup Landkarte eine relevante Größe zu spielen. Zu erdrückend sind die nahe liegenden Konkurrenten Frankfurt/Main, Darmstadt oder gleich nebenan Wiesbaden. Und so findet Mainz gleich gar keine Erwähnung im Startup Monitor2020.

Doch wie wir bei der Betrachtung schon einiger Gründerökosysteme in kleineren Städten erfahren konnten: Gerade hier entwickeln sich häufig in überschaubareren Strukturen qualitativ hochwertige Zentren der Gründerszene. Und Mainz kann sich durchaus sehen lassen.

Im Vergleich zum eigenen Bundesland sind die Anzahl von Gründungen deutlich höher: In Rheinland-Pfalz wurden im Jahr 2018 nach Angaben des Statistischen Landesamtes insgesamt 31.966 Gewerbe angemeldet. Das waren ein Prozent mehr als im Jahr zuvor. Die Zahl der Gewerbeabmeldungen lag um 0,3 Prozent unter dem Vorjahreswert. Etwa 450 Betriebsgründungen kommen aus Mainz – das ist doppelt soviel wie in der nächst größeren Gründerstadt Ludwigshafen mit 278 Betriebsgründungen.

Und die Stadt gegenüber der Mündung des Mains am Rhein hat wirtschaftlich einiges zu bieten und kann auch für Gründer eine spannende Adresse sein.

Mainz in Zahlen

  • 221.000 Einwohner
  • 112.000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte
  • 39.000 Studierende
  • 5,3% Arbeitslosenquote
  • 44,3% Exportquote
  • 3,16% Leerstandsquote (Innenstadt gewerblich)
  • 97,58% Filialisierungsgrad in den 1a-Lagen
  • Pendlersaldo: +30.000
  • 2.000 Gewerbeanmeldungen/Jahr

  • 10 Coworking-Spaces
  • 15 außeruniversitäre Forschungsinstitute
  • 4 Hochschulen
  • über 4.000 Wissenschaftler
  • 39.000 Studierende

Faktor 1: Zukunftsperspektiven – Der Wirtschaftsstandort Mainz

Geht man bei der Wirtschaft und Infrastruktur von Mainz auf die Faktoren Produktivität, Bruttoeinkommen und Investitionen ein, dann steht die Stadt gar nicht schlecht da: In einer Studie der Wirtschaftswoche von 2005 belegt Mainz im Vergleich von 50 deutschen Städten den vierten Rang, 2006 den fünften Rang.

Bei der Kaufkraft von 25.035 Euro pro Einwohner (2018) liegt die Stadt um 7,3 Prozent über dem Bundesdurchschnitt. Das BIP je Erwerbsperson beträgt 74.345 € und liegt damit recht hoch und deutlich höher als der Durchschnitt in RLP.

Der Wirtschaftsmix  punktet mit den Schwerpunktbranchen

  • Medien & Digital
  • Kultur- & Kreativ
  • Life Science & Biotech

Schönes und aktuell sehr bekanntes Beispiel aus dem Biotech ist BioNTech – die Firma, die als erste einen Impfstoff gegen COVID-19 entwickelt hat und deren Gründer mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurden.

Das sind die wichtigsten Unternehmen in Mainz

  • Größter Arbeitgeber in Mainz: die Universitätsmedizin der Johannes-Gutenberg-Uni mit fast 8.000 Mitarbeiter und über 600 Auszubildenden in 60 Kliniken und Instituten und einem Jahresumsatz von rund 750 Millionen Euro.
  • Platz zwei – wie passend – das ZDF. Das Zweite Deutsche Fernsehen beschäftigt rund 3.000 Mitarbeiter und rund 4.500 freie Mitarbeiter. Der Marktanteil des ZDF liegt bei rund 13%, das ist mehr als das Erste Deutsche Fernsehen (ARD).
  • Die Schott Aktiengesellschaft hat rund 2.800 Mitarbeiter in Mainz, jährliche Umsatz des Technologiekonzerns mehr als zwei Milliarden Euro.
  • Viertgrößter Arbeitgeber ist die DB Regio Bus Mitte GmbH mit 1.800 Mitarbeitern, gefolgt von den Stadtwerke Mainz mit rund 1.500 Menschen.
  • Wesentlich auch der Südwestrundfunk (SWR) – Sender der ARD – mit etwa 1.300 Mitarbeitern am Standort Mainz.
  • Weitere große Unternehmen sind das Katholisches Klinikum Mainz (1.500), die DB Cargo AG (1.200), die Mainzer Volksbank (900), Mainzer Mobilität (800), BioNTech (800), Werner & Mertz (760) und der Kreditversicherer Coface for Trade (550).

Grundsätzlich sehen die Mainzer Unternehmer positiv in die Zukunft: 42% erwarten eine Umsatzsteigerung, 20% einen Rückgang. Auch hinsichtlich der Standortpolitik dominiert Optimismus: 21% rechnen mit einer Expansion, gegenüber nur 2% derer, die glauben, dass der Standort in den nächsten 5 Jahren aufgegeben wird. So die Zahlen des aktuellen MainzerBusinessMonitors.

Vorteile für Gründer:

Starke und große Unternehmen können wichtige Partner für Gründer sein. Hier könnt ihr neue Produkte und Dienstleistungen in einem professionellen Umfeld entwickeln und testen. Oder ihr könnt als Werkstudenten erste Erfahrungen sammeln und vor allem erste Kontakte knüpfen und eure Gründeridee auf einer ganz anderen Ebene besprechen.

Viele der Unternehmen suchen ständig nach Innovationen, betreiben Hubs und Gründerzentren sowie Acceleratoren. Hier gibt es Bedarf und auch Geld für eure Ideen.

Faktor 2: Hochschulen & Institute – Technologisch bestens aufgestellt

Hochschule Mainz und Johannes Gutenberg-Universität Mainz haben gemeinsam mit dem größten Arbeitgeber in der Stadt, der Universitätsmedizin Mainz, eines der wesentlichsten Gründerzentren etabliert: Das GRÜNDUNGSBÜRO MAINZ dient in erster Linie allen gründungsinteressierten Hochschulangehörigen und Alumni in der Vorgründungsphase.

Tatsächlich hat sich auch das Gutenberg Digital Hub zu einem besonders wichtigen Zentrum entwickelt. Neben den Coworking Angeboten im Hub findet hier die Vernetzung der Mainzer Gründerszene statt, werden Webinare, Meetings und Beratungsangebote für Gründer geboten.

Interessierte erhalten Informationen und Beratung zur gezielten Hochschulausgründung sowie zu Fördermöglichkeiten durch das Programm EXIST des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie beraten.

Auch die Technischen Hochschule (TH) Bingen hat ein Existenzgründerprogramm gestartet, seit der Unterstützung durch die Wirtschaftspaten e.V. auch in allen Studiengängen. Dazu gehören neben Gründerseminaren auch Vorlesungen durch Experten aus der Praxis oder eine regelmäßige Gründersprechstunde.

Forschungsinstitute in Mainz

Besonders viel Exellenz findet ihr in Mainz bei Forschungsinsituten.

Das Helmholtz-Institut Mainz (HIM) ist eine institutionelle Kooperation der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und des GSI Helmholtzzentrums für Schwerionenforschung in Darmstadt. Es verknüpft die akademische Welt einer Hochschule mit den wissenschaftlichen Möglichkeiten eines international renommierten Beschleunigerzentrums. Im Zentrum der Arbeiten steht der Beschleunigerkomplex FAIR, der derzeit in Darmstadt gebaut wird. Im Institutsneubau in Mainz gibt es neben hochwertigen Laser- und Chemielabors einen Reinraum, der beispielsweise für die Montage und Präparation von supraleitenden Beschleunigermodulen genutzt wird. Der institutseigene Rechnercluster HIMster II erlaubt aufwändige Computersimulationen, zudem haben die Forscher Zugriff auf den MOGON II-Rechner der Universität, der derzeit schnellste Hochleistungsrechner an einer deutschen Hochschule.

Das Fraunhofer IMM arbeitet in den Bereichen Energie- und Chemietechnik sowie Analysesysteme und Sensorik. Hier erbringen Wissenschaftler Transferleistungen von der wissenschaftlichen Idee hin zur Innovation. Dadurch ist es uns möglich, die Zuverlässigkeit und Wirksamkeit kompakter Stoff- und Energiewandlungssysteme sowie dezentraler, mobiler Energieversorgungseinheiten zu verbessern.

Auch das Max-Planck-Institut für Polymerforschung (MPI-P) bietet ideale Voraussetzungen für exzellente Forschung: Vom kreativen Design neuer Materialien, über ihre Synthese im Labor bis zu ihrer physikalischen Charakterisierung und schließlich dem theoretischem Verständnis der Polymereigenschaften bündelt es alle notwendigen Fachkompetenzen. Es zählt zu den international führenden Forschungszentren auf dem Gebiet der Polymerwissenschaft.

Das Max-Planck-Institut für Chemie ist eines der beiden ältesten Institute der Max-Planck-Gesellschaft. Es wurde 1912 als Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie in Berlin gegründet und zog 1949 nach Mainz um. Besonders bekannte Wissenschaftler in der Geschichte des Instituts sind die Nobelpreisträger Richard Willstätter, Otto Hahn und Paul Crutzen. Zu Ehren des früheren Direktors und Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft trägt das Max-Planck-Institut für Chemie den Beinamen Otto-Hahn-Institut. Es zielt auf ein integrales Verständnis der chemischen Prozesse im Erdsystem, insbesondere in der Atmosphäre und Biosphäre. Untersucht werden vielfältige Wechselwirkungen zwischen Luft, Wasser, Boden, Leben und Klima im Verlauf der Erdgeschichte bis zum heutigen durch Menschen geprägten Zeitalter, dem Anthropozän.

Vorteile für Gründer

Geballtes Wissen und eine starke Forschung hat gleich zwei wesentliche Effekte für Gründer:

  1. könnt ihr davon ausgehen, dass in diesem Umfeld viel Offenheit für Innovation und Startup-Mentalität zu erwarten ist und
  2. mehr oder weniger direkt an den Unis und Instituten könnt ihr euch Know-how verschaffen. In jedem Falle aber über die Gründerzentren, die enge Kontakte pflegen.

Faktor 3: Perfekte Verkehrsanbindung

Fluch und Segen zugleich: Mainz liegt im Rhein-Main-Gebiet und das bedeutet Nähe zu Frankfurt, Darmstadt, Wiesbaden. Zum 25 km entfernten Flughafen Frankfurt fahren mehrmals in der Stunde Züge des Fern- und Nahverkehrs. Der Flughafen Hahn, der etwas über 80 km von Mainz entfernt liegt, wird mit einer direkten Busverbindung angefahren. Dank S-Bahn-Anbindung ist man im 30 Minuten Takt Richtung Frankfurt, Hanau und Offenbach unterwegs.

Mit der Bahn ist man auch in 4 Stunden in Paris.

Vorteile für Gründer:

Die Lage von Mainz sollte euer Vorteil sein: Schnell seit ihr im Finanzplatz Nr.1 in Deutschland, weitere große Städte sind in der Nähe. Also ist auch der Markt groß.

Faktor 4: Gründerzentren und Hubs – das sind die Enabler in Mainz

Mainz ist recht gut mit Gründerzentren versorgt: das Technolgiezentrum, Gründerbüro, EULE e.V. – da gibt es viel Unterstützung für euch. Eine komplette Übersicht zu den Gründerzentren und wichtigen Adressen findet ihr hier.

Faktor 5: Startup Mentalität in Mainz

Mainz wird maßgeblich von seinen fast 40.000 Studenten geprägt, es ist in Angebot und Nischen weitaus reicher, als das benachbarte Wiesbaden. Entsprechend ist die Stimmung in der Stadt: Man weiss, dass man nicht Berlin oder Köln ist, will das aber auch gar nicht sein, sondern pflegt das Ureigene.

Vernetzung hat die Mainzer Gründerszene verstanden, das sieht man nicht nur an den Kooperationen der Großen – auch innerhalb der Kultur- und Kunstszene sowie der überschaubaren Gründerszene. Man kennt sich untereinander – und Gründerevents sind sehr gut geeignet, die wichtigsten Player der Szene kennenzulernen.

Es gibt noch Räume, die finanzierbar sind – auch wenn sich wie in allen Städten diese durch Verdichtung immer mehr schließen. Der Leerstand in der Innenstadt ist vergleichweise gering (ca 3,5%).

Wie mit viel Cleverness eine Stadt aus ihren Möglichkeiten etwas macht, zeigt sich an einer schönen Aktion im hiesigen Stadion:

Energie-Unternehmer Matthias Willenbacher, der mit seiner Online-Plattform wiwin.de Investments an nachhaltige Startups und Projekte vermittelt, holt Startups in die Gründerloge beim Fußball-Bundesligisten Mainz 05. Dort trefen sich Gründer, Investoren und Multiplikatoren und vernetzen sich.

Fazit zum Gründerökosystem Mainz

Fertig und bis ins Detail organisiert ist die Gründerszene in der Stadt noch nicht, es gibt Potenziale. Aber wer hier neu startet, der kann hat viele Docks, an denen er sein junges Schiff erstmal anlanden kann.

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