Erfolgsrezepte für Startups und Gründer

Die Kunst einer guten Idee – Prof. Dr. Gün­ter Fal­tin spricht im Inter­view dar­über, wor­auf es beim Entrepe­neur wirk­lich ankommt

Prof. Dr. Gün­ter Fal­tin, Pro­fes­sor, Busi­ness Angel, Buch­au­tor und erfolg­rei­cher Unter­neh­mer for­dert eine neu­en Typus des Entrepe­neurs. Im Vor­der­grund steht die Idee und die müs­se der Entrepe­neur einem Künst­ler gleich ent­wi­ckeln – mit Aus­dau­er und viel Zeit. Wir haben mit dem Fach­mann für Exis­tenz­grün­dun­gen gesprochen.

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Sta­tis­ti­sche Markt­ana­ly­sen ver­fas­sen, Busi­ness­plan schrei­ben, Kapi­tal­ge­ber fin­den – in den meis­ten Grün­der­be­ra­tun­gen geht es vor allem um ver­trieb­li­che Sei­te des Entre­pre­neurship. Doch eines kommt dar­in zu kurz: Das Suchen, Fin­den und Ana­ly­sen der eigent­li­chen Idee. So jeden­falls die The­se von Prof. Dr. Gün­ter Fal­tin, der als Pro­fes­sor, Busi­ness Angel und Buch­au­tor für eine neu­en Typus des Entrepe­neurs ein­tritt. Wir haben mit ihm über den Entrepe­neur als Künst­ler und die wich­tigs­ten Über­le­gung für ein erfolg­rei­ches Start­up gesprochen.

Herr Prof. Dr. Fal­tin, die deut­sche Grün­der­sze­ne spielt im inter­na­tio­na­len Ver­gleich kei­ne gro­ße Rol­le. Was fehlt den Deut­schen: Risi­ko­be­reit­schaft, Krea­ti­vi­tät oder doch das gro­ße Geld?

Mei­ner Ansicht nach fehlt nichts davon. Zuerst ein­mal, das gro­ße Geld braucht es zum Grün­den eines Unter­neh­mens heu­te nicht mehr. Wenn man frü­her ein Stahl­werk bau­en woll­te, ja – da waren Mil­lio­nen Inves­ti­ti­on nötig. Doch heu­te leben wir in einer Wis­sens­ge­sell­schaft, in die­ser ist aus­schlag­ge­bend, wie man die­ses Wis­sen neu kombiniert.

Um heu­te ein Unter­neh­men zu grün­den, braucht es kein Kapi­tal son­dern einen klu­gen Kopf und eine trag­fä­hi­ge Idee.

So ziem­lich jeder hat­te schon ein­mal eine Idee für eine Unter­neh­mung. Doch wie ent­schei­det man, ob sie trag­fä­hig ist?

Wir müs­sen deut­lich unter­schei­den: Das eine ist der Ein­fall, den man plötz­lich und ver­mut­lich auch öfter hat. Eine trag­fä­hi­ge Idee ist weit­aus mehr: Hier steht ein „Pro­of of con­cept“ dahinter.

Ich über­prü­fe mei­nen Ein­fall in vie­ler­lei Hin­sicht, um das Poten­zi­al der Idee abzuklopfen.

Genau das ist es, was mir in den klas­si­schen Grün­der­be­ra­tung zu kurz kommt. Hier geht es um Markt­ana­ly­sen, Busi­ness­plä­ne oder Finan­zie­run­gen. Um das Her­aus­schä­len der eigent­li­chen Unter­neh­mens­idee drückt man sich. Im bes­ten Fal­le wird es vor­aus­ge­setzt – es gibt aber nicht weni­ge Stim­men, die immer wie­der behaup­ten, es käme allein auf die Umset­zung an und weni­ger auf die Idee.

Was kann mir hier als zukünf­ti­ger Unter­neh­mer helfen?

Es gibt Tech­ni­ken: Vor allem muss ich mei­ne Annah­men hin­ter­fra­gen. Die meis­ten grün­den ála Rolet­te und hof­fen, dass ihre Idee aufgeht.

Dabei kann man vie­le die­ser Annah­men sehr genau veri­fi­zie­ren und an der Rea­li­tät testen.

Ein Bei­spiel: Wenn ich ein ägyp­ti­sches Restau­rant eröff­nen will, dann ste­cken da jede Men­ge Annah­men drin. Etwa, dass sich Men­schen für Ägyp­ten inter­es­sie­ren oder das Essen mögen. Doch schaut man genau­er, dann wird es span­nend. Was genau inter­es­siert denn mei­ne poten­zi­el­len Kun­den: Das alte Ägyp­ten, das eigent­lich Land wie es heu­te ist oder wirk­lich das dort hei­mi­sche Essen? Die Ant­wor­ten auf die­se Fra­gen ver­än­dern mein Kon­zept. Außer­dem soll­te das Kon­zept auf meh­re­ren Bei­nen ste­hen: Was ist etwa, wenn das ori­gi­na­le ägyp­ti­sche Essen nicht ankommt. Muss ich dann schlie­ßen oder kann das Restau­rant trotz­dem noch funk­tio­nie­ren. Grund­sätz­lich gilt: Auf je mehr Bei­nen ein Kon­zept steht, des­to erfolg­rei­cher wird es.

In Ihrem Buch „Kopf schlägt Kapi­tal“ schrei­ben Sie auch vom Grün­den mit Kom­po­nen­ten, was ist damit gemeint?

Ich glau­be, in den meis­ten Fäl­len kann es nicht mehr um das ganz Neue bei einer Grün­dung gehen. Es kommt eher dar­auf an, bestehen­des neu zusam­men­zu­fü­gen, also bestehen­de und bereits funk­tio­nie­ren­de Kom­po­nen­ten auf neue Wei­se mit­ein­an­der zu ver­bin­den. Das Start­up „RatioDrink“, dass ich als Busi­ness­an­gel betreue, ist zu 100 Pro­zent aus bereits vor­han­de­nen Kom­po­nen­ten ent­stan­den. Und es funk­tio­niert hervorragend.

Wir ler­nen dar­aus noch etwas ande­res: Arbei­ten Sie von Anfang an mit pro­fes­sio­nel­len Menschen.

Gera­de Entrepe­neu­re mit wenig Kapi­tal nei­gen dazu, sich aus ihrem sozia­len Umfeld die Mit­ar­bei­ter, Zulie­fe­rer und Part­ner zu holen. Auf der „Freund­schafts­ebe­ne“ las­sen sich anfäng­lich bes­se­re Deals, etwa bei der Bezah­lung, fin­den. Doch das ist gefähr­lich: Auf der ande­ren Sei­te machen Sie näm­lich Kom­pro­mis­se bei Qua­li­tät, Leis­tung, Enga­ge­ment. Das wer­den Sie spä­ter bit­ter bereuen.

Was sagen Sie denen, die mei­nen, sie könn­ten sich kei­ne Pro­fis leisten?

Las­sen Sie es sein! Die Hoff­nung, dass man sich erst eine pro­fes­sio­nel­le Buch­hal­tung, einen Desi­gner für den Inter­net­auf­tritt oder einen Büro­ser­vice leis­ten wird, wenn das Geschäft brummt, ist Unsinn.
Es wird nie­mals brum­men – weil Sie von den Rou­ti­nen und dem gan­zen Orga­ni­sa­ti­ons­din­gen völ­lig über­for­dert sind. Ing­var Kam­rath, der Ikea-Grün­der hat das mal von sich selbst behaup­tet: Er sei ein schlech­ter Orga­ni­sa­tor, ein schlech­ter Mana­ger. Das hat er bes­ser ande­ren über­las­sen. Geben Sie die Rou­ti­nen weg, ver­trau­en Sie auf die Pro­fis und kon­zen­trie­ren Sie sich auf Ihre Idee, auf Ihr Kon­zept – das ist mein Rat.

Unter­neh­mens­grün­der als Lebens­ent­wurf – das stimmt nicht nur auf Ihre eige­ne Per­son bezo­gen, Sie hal­ten das auch für unum­gäng­lich für den Erfolg. Warum?

Um als Grün­der erfolg­reich zu sein, muss ich viel Aus­dau­er mit­brin­gen. Ein gutes Kon­zept braucht viel Zeit – ein Pro­fes­sor aus den USA hat mal errech­net, dass es 50.000 Ein­zel­schrit­te braucht und es bis zu zehn Jah­re dau­ert, bis eine Idee zum Erfolg führt.

Ich ver­glei­che den Entrepe­neur gern mit einem Künst­ler: Auch hier gilt es, sei­nen eige­nen Stil und sein eige­nes The­ma zu finden.

Dafür braucht man Zeit. Im Eng­li­schen sagt man „Go for your cau­se“ – man braucht eine Pas­si­on für die eige­ne Unter­neh­mung. Schließ­lich geht es nicht in ers­ter Linie um den wirt­schaft­li­chen Erfolg, es geht um ein geglück­tes Leben. Ein Bei­spiel: Wenn ich her­aus­ge­fun­den habe, dass es in Ber­lin-Zehlen­dorf noch kei­nen Copy­shop gibt, dass die Bewoh­ner dort einen nut­zen wür­den – also die wirt­schaft­li­chen Kenn­zah­len stim­men – dann weiss ich aber noch nicht, ob ich mein rest­li­ches Berufs­le­ben in so einem Copy­shop ste­hen will. Erfolg­reich wird der Entrepe­neur, wenn er das wirk­lich will.

Es steht eine neue Aus­ga­be des Entrepe­neurship Sum­mit an – wie sieht es mit den neu­en Grün­dern aus, haben sie Ihre The­sen ver­stan­den und verinnerlicht?

Ja, mein Buch „Kopf schlägt Kapi­tal“ ist über 100.000 Mal ver­kauft und in vie­le Spra­chen über­setzt wor­den. Das merkt man:

Vie­le Entrepe­neu­re den­ken heu­te anders über ihr Kon­zept nach.

Aber es bleibt dabei, von den hun­der­ten Ide­en, die ich im Jahr höre, sind es zwei oder drei, bei denen ich Wow! sage, wo jemand sich Gedan­ken gemacht, das Gan­ze gut for­mu­liert hat. Es ist eben eine Kunst, die Archi­tek­tur einer Idee, das was ich Entrepe­neu­ri­al Design nen­ne, rich­tig zu gestalten.

Vie­len Dank für das Gespräch.

Zur Per­son Prof. Dr. Gün­ter Faltin

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Prof. Dr. Gün­ter Fal­tin gilt als der Entrepe­neur-Papst Deutsch­lands: Als Pro­fes­sor an die Freie Uni­ver­si­tät Ber­lin bau­te er den Arbeits­be­reich Entre­pre­neurship auf, seit 2013 lehrt er als Gast­pro­fes­sor an der Uni­ver­si­tät Chiang Mai. Doch Fal­tin ist nicht nur Theo­re­ti­ker: 1985 grün­de­te er das Unter­neh­men Pro­jekt­werk­statt GmbH und initi­ier­te die „Tee­kam­pa­gne”; den inzwi­schen größ­ten Impor­teur von Dar­jee­ling-Tee welt­weit. Fal­tin ist Busi­ness Angel und Coach ver­schie­de­ner Start­ups, dar­un­ter der „ebue­ro AG“, der „RatioDrink AG“ und seit 2013 der Wasch­kam­pa­gne, die ein ein­zi­ges Wasch­mit­tel aber für ver­schie­de­ne Här­te­be­rei­che anbie­tet. 2001 errich­te­te er die „Stif­tung Entre­pre­neurship“, die jähr­lich den Entre­pre­neurship Sum­mit aus­rich­tet. Mit sei­nem Buch „Kopf schlägt Kapi­tal“ wirbt er für einen Grün­der­ty­pus, der eine Idee kon­se­quent entwickelt.

Inter­viewrei­he mit Prof. Fal­tin über sei­ne Thesen:

Kopf schlägt Kapital: Die ganz andere Art, ein Unternehmen zu gründen Von der Lust, ein Entrepreneur zu sein

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