Das KAIROS-Prinzip: Ursula Wagner verrät im Interview, wie Unternehmer aus ihrer Biografie lernen

© beermedia - Fotolia.com

Bevor man die lang gehegte Idee vom eigenen Unternehmen angeht, stehen oft lange Zeiten des Zweifels an: Kann man das, will man das? Ist man überhaupt ein Unternehmer, mit dem entsprechenden Esprit, der Überzeugung, der Arbeitswut? Jedem Existenzgründer wird immer wieder geraten, er solle sich selbst ausreichend prüfen, ob er diesem neuen Lebensabschnitt gewachsen ist. Doch wie genau soll er das machen?

Die Diplom-Psychologin Dr. Ursula Wagner hat nun ein Buch geschrieben – einen Ratgeber, der eine Technik liefert, sich alle diese Fragen strukturiert und fundiert zu beantworten. Wir haben mit der Unternehmerin und Coach über ihre Technik und ihren Rat für Existenzgründer und Selbständige gesprochen.

Frau Wagner, als Karrierecoach und Buchautorin lehren Sie das KAIROS-PRINZIP. Was genau ist das?

Der Begriff „Kairos“ stammt aus der griechischen Mythologie, es ist der Name für den Gott des „günstigen Augenblicks“.  Der altgriechische Gott Kairos als Personifikation des „günstigen Augenblicks“ wird mit einer höchst eigenwilligen Frisur dargestellt: mit einer mächtigen Haartolle an der Stirn, aber kurz geschorenem Hinterkopf. Daher stammt der Ausdruck, „die Gelegenheit beim Schopfe zu packen“: Verpasst man den richtigen Augenblick, kann es zu spät sein, man greift ins Leere.

Es kommt also darauf an, das Richtige zu tun und dann im richtigen Augenblick umzusetzen – das gilt auch für eine geniale Business-Idee.

Das richtige Timing und das Gefühl für das Wesentliche sind gerade in der heutigen Zeit wichtige Parameter dafür, zufrieden im Beruf zu sein oder immer wieder zu werden. Dabei ist ein Paradox des Kairos, dass wir uns zu bestimmten Zeitpunkten verändern müssen, um uns selbst treu zu bleiben.

Wie wichtig ist es, als Existenzgründer genau zu wissen, was man kann und was man will? Und wie finde ich es heraus?

Ich unterscheide da drei Dinge: Lebensthemen, Werte und Kompetenzen. Unsere Lebensthemen oder auch Interessen ziehen uns oft zu neuen Ufern. Was uns wichtig ist, unsere Werte, gleichen einem inneren Kompass, der uns anzeigt, ob wir insgesamt in unserem Leben auf dem richtigen Kurs sind. Das alles nutzt aber wenig, wenn wir das, was uns interessiert und wichtig ist, nicht umsetzen können, wenn wir dort keine Kompetenzen hätten. Pointiert gesagt: Kunst kommt von können nicht von wollen, sonst hieße es „Wunst“. Und für Gründer gehört dann noch der Markt dazu – eine Einschätzung, ob das was wir wollen und können auch einen Bedarf bei einer Zielgruppe trifft. Und ob diese Zielgruppe diese Leistung oder Ware auch bezahlen kann und will.

Klingt alles nicht so einfach, wie setze ich das praktisch um?

In meiner KBC-Methode arbeite ich zentral mit der Biografie, der „Geschichte meines Lebens“. Mit gezielten Übungen leite ich an, aus der Biografie die Goldstücke zu finden.

Denn in Ihrer Biografie finden Sie alles, was Sie brauchen. Ihre Werte, Ihre Motivatoren und das, was Sie bisher schon alles gelernt und erfolgreich umgesetzt haben, also Ihre Kompetenzen.

Diese erwirbt man übrigens nicht nur im Beruf, sondern in allen Bereichen des Lebens. Viele Gründer haben wichtige Kompetenzen in der Freizeit, im Ehrenamt oder in der Familie entwickelt.

In Ihrem Buch „Das Kairos-Prinzip. So finden Sie den richtigen Zeitpunkt für den beruflichen Wechsel“ erklären Sie, wie man einen ehrlichen Blick auf sein bisheriges Berufsleben bekommt. Wieso ist das so wichtig?

Gerade Gründerinnen und Gründer stehen mit ihrer ganzen Person für das Produkt, die Leistung. Sie „sind“ das Produkt. Man steht für Kreativität oder Zuverlässigkeit, für persönliche Dienstleistung oder für virtuelle Angebote. Deshalb müssen sich Unternehmer noch mehr als Andere mit ihrer Tätigkeit identifizieren können. Auch um die nicht immer geringen Belastungen, die eine Gründung unweigerlich mit sich bringt, durchzuhalten.

Durchhaltevermögen und Disziplin sind neben Kreativität, Menschenkenntnis und Teamspirit wichtige Faktoren für eine erfolgreiche Gründung. Die gibt es als roten Faden bereits in jeder Biografie von Gründern.

Wenn das nicht so ist, sollte man ehrlich zu sich selbst sein und sich für eine andere Option im Berufsweg entscheiden. Vielleicht kann man ein bereits bestehendes Geschäft übernehmen? Oder mit anderen zusammen gründen, die Eigenschaften mitbringen, die mir fehlen?
Im biografischen Karrierecoaching, wie es die KBC-Methode darstellt, betrachten Sie zuerst Ihr Leben im Rückblick. Und schreiben es dann weiter in die Zukunft fort.

Aus Ihren Erfahrungen als Coach: Sind die Motive der Klienten, die sich selbständig machen wollen, immer richtig?

Es gibt einfach unterschiedliche Gründe sich selbstständig zu machen und das sollte man bei der Wahl des Berufs generell und den Rahmenbedingungen mit berücksichtigen. Ich leite in meinem Buch zu einer Reflexion der sogenannten „Karriereanker“ an, die der amerikanische Organisationsberater Edgar Schein bereits seit den 1980er Jahren an Hand der Biografien von Business-School Absolventen entwickelt hat.
Grundsätzlich werden Karriereentscheidungen von unseren Werten und Kompetenzen beeinflusst, also von dem, was wir wollen und was wir können. Edgar Schein nennt diese Schwerpunkte „Karriereanker“, weil an ihnen unsere berufliche Identität verankert ist. Manche Menschen sind eben mit Leib und Seele Fachexperten, andere wollen eher mit Managementaufgaben ganze Einheiten führen, der nächste möchten wirklich seine Geschäftsidee auf den Markt bringen, andere möchten einfach unabhängig arbeiten und für wieder andere ist die Work-Life Balance wichtiger – und all dies beeinflusst berufliche Entscheidungen.

Wie finde ich meine persönlichen Karriereanker?

Im Allgemeinen sind zwei bis maximal drei Karriereanker bei einer Person deutlich ausgeprägt, einer jedoch vordringlich. Die Inhalte dieses Karriereankers müssen in einer beruflichen Situation erfüllt sein, damit wir zufrieden und motiviert sind. Entscheidungen entgegen unserer Karriereanker führen generell zu großer Unzufriedenheit und Demotivation, egal wie verlockend die Begleitumstände aussehen mögen. Bei Selbständigen sehen wir meistens, dass entweder der Karriereanker „Unabhängigkeit“ oder „Unternehmerische Kreativität“ treibend ist. Wenn jedoch als nächster Anker noch „General Management“ dazu kommt, müsste das Unternehmen schon eine stattliche Größe erreichen, sonst wird derjenige unzufrieden sein. Während der „Unabhängige“  durch die zunehmenden Managementaufgaben eher genervt sein wird, ebenso wie der „Fachexperte“.

Abraten würde ich denjenigen von der Selbstständigkeit, die als einen ihrer dominanten Karriereanker „Sicherheit/Beständigkeit“ haben. Eine Selbständigkeit wird solche Personen eher überfordern, selbst wenn es gut läuft.

Die Angst im Hintergrund ist dann immer da: Wie wird es nächstes Jahr sein? Um damit gut umzugehen, muss man anders gestrickt sein.

Wann war für Sie der richtige Zeitpunkt für eine beruflichen Wechsel? Und wie haben Sie ihn gemeistert?

Ich habe immer sehr deutlich gespürt, dass für einen Wechsel „die Zeit gekommen ist“. Meine fachliche Neugier und mein Wunsch selbstbestimmt und unabhängig arbeiten zu können, haben mich angetrieben. Einmal aber habe ich dennoch sehr lange gezögert, zu wechseln – bestimmt zwei, drei Jahre, einfach weil die beruflichen Rahmenbedingungen „objektiv“ gesehen so gut waren. Dann hat mir mein Körper ein deutliches Zeichen gegeben, ich wurde einfach krank. Das hat mir geholfen, den Tatsachen ins Auge zu sehen und den Wechsel zu wagen – mit Erfolg!

Vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person Ursula Wagner

wagner_ursula

Dr. Ursula M. Wagner, Diplom-Psychologin, ist Unternehmerin, Coach und Autorin.
Sie ist Geschäftsführerin des Coaching Centers Berlin. Dort bildet sie seit vielen
Jahren Coaches nach internationalen Standards aus und entwickelte die Integrale Coaching Methodik. Das Kairos-Biografie-Coaching basiert auf Dr. Wagners langjähriger Praxis in der Karriereberatung.

 

 

 

 

[amazon asin=359339653X&template=gruenderkuche]

Related Post

Gründerstory manualONE: Alle Infos zu deinen Gerät... Jeder kennt das: Mit dem Kauf eines Gerätes, vom Handy bis zur Waschmaschine, bekommt man eine Betriebsanleitung, Seriennummer usw. Meist auf Papier. ...
Gründerstory tift: Digitale Personalplanung für Al... tift macht Mitarbeiter und Personalplaner glücklich. Sagen die vier selbstbewussten Gründer des Startups, das Dienstpläne zum Kinderspiel machen will....
Im Blitzlicht: Crowdfunding mit Indiegogo Indiegogo ist die älteste internationale Crowdfunding-Plattform und wurde 2008 gegründet. Dieses Jahr entsteht in Deutschland eine Zweigstelle, um den...
Gründerstories – Die Plattform für Startups ... Woran orientiert man sich, wenn man für sich Neuland finden will? An best practice Beispielen, an Geschichten von Pionieren, an dem Mut, dem Wagnis un...
1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (5,00 von 5 Sterne, basierend auf 4 abgegebenen Stimmen)
Loading...

Fair Kommentieren!

Wir freuen uns auf heiße Diskussionen und scharfe Kommentare - und auf einen respektvollen Umgangston! Persönliche Angriffe und Beleidigungen haben auf Gründerküche.de nichts verloren!