Gründen in Chemnitz – Das müsst ihr über das Gründerökosystem wissen

Tolle Schlagzeilen produziert die Stadt am Fuße des Erzgebirges gerade nicht – doch das tut der kleinen sächsischen Schwester von Leipzig und Dresden unrecht: Hier tut sich in Sachen Gründerszene mehr, als man ahnen kann. Das wichtigste über das Gründerökosystem Chemnitz erfahrt ihr hier.

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Man nennt sie die Wiege des Maschinenbaus. Hier wurden im 19. Jahrhundert Dampflokomotiven gebaut, die heute noch durch Argentinien und Indonesien fahren. Die Idee zum Feinwaschmittel stammt genauso von einem Chemnitzer wie verschiedenen Textilmaschinen und die Grundidee zur Thermoskanne.

Chemnitz galt als Industriemonopole Sachsens – innovativer, schneller, lebendiger als die großen Schwestern Dresden und Leipzig.

Dann kam die Wende und der Bruch: Nicht nur als Industriestandort sondern auch als Lebensraum verlor Chemnitz, fasst 20 Prozent der Bevölkerung verließen ihre Stadt. Doch wie im Bevölkerungswachstum so auch als Wirtschaftsstandort rappelt sich die Stadt. Welche Faktoren bestimmen heute das Umfeld für Gründer und Selbstständige?

Faktor 1: Gutes Gründerumfeld – Der Wirtschaftsstandort Chemnitz

Chemnitz punktet mit einem hohen Anteil Großunternehmen mit mehr als 250 Beschäftigten.

Die Klinikum Chemnitz gGmbH ist der größte Abeitgeber der Stadt und beschäftigt als größtes kommunales Krankenhaus in Ostdeutschland rund 6.000 Mitarbeiter. Größter industrieller Arbeitgeber ist das Motorenwerk Chemnitz von der Volkswagen Sachsen GmbH. Das Werk hat Produktions-Kapazitäten für täglich 3.000 Otto-Motoren, etwa 1700 Personen arbeiten im Motorenwerk Chemnitz. Die Niles-Simmons Industrieanlagen GmbH beschäftigt etwa 1280 Personen und ist Weltmarktführer in der Herstellung bestimmer Werkzeugmaschinen. Auch Siemens ist in Chemnitz: Mit etwa 1.200 Beschäftigten unterhält das Unternehmen Forschungs-Abteilungen, Fertigungs-Werke, Logistik, Vertrieb, Applikation, Service und Schulungseinrichtungen. Wichtig und prägend für die Stadt ist auch der Energieversorger eins energie in sachsen GmbH & Co.KG, dessen bunt angemalte und illuminierte Esse ist inzwischen zu einem Wahrzeichen der Stadt geworden. Etwa 1000 Mitarbeiter hat die eins – ebenso wie IBM in Chemnitz.

Vorteile für Gründer:

Starke und große Unternehmen in der Region sind selten Konkurrenz für Startups sondern eher Partner. Zum einen könnt ihr bei eurem Gründungsvorhaben vielleicht direkt bei einem der Unternehmen andocken: Ihr habt eine neue Idee zur Regulierung des Energiebedarfes eines Wohnhauses… dann geht mal zur eins energie. Moderne Krankenhausverwaltungstechnik könnte im Klinikum auf Tauglichkeit geprüft werden.

Außerdem sorgen die Großen natürlich für eine Basis gut ausgebildeter Fachleute, die in eurem Gründungsvorhaben wichtig werden könnten.

Faktor 2: Gründerspirit in Chemnitz

So richtig ab geht die Gründerszene in Chemnitz noch nicht. Laut der Studie Gründen in Sachsen offenbart die Stadt bezüglich der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen einen bedeutenden Teil ihrer Potenziale. „In Chemnitz lassen sich nur sehr wenig neue Ideen als potenzielle Grundlage zukünftiger Gründungen erkennen. Im Zeitraum von 2010 bis 2016 konnten für Chemnitz nur 28 Crowdfunding-Projekte auf den einschlägigen Plattformen identifiziert werden. Zum Vergleich: Für Dresden waren es im gleichen Zeitraum 271 und für Leipzig sogar 508 Projekte“, so berichtet die Studie aus dem Jahr 2017.

„In Chemnitz hat sich in den vergangenen zwei Jahren einiges getan. So gibt es mittlerweile mit dem Zammwerk und dem Q-HUB zwei Anlaustellen mit regelmäßigen Gründerevents. Seit 2018 gibt es sogar das Startup Meetup Chemnitz mit üblicherweise mehr als 50 Teilnehmern. Ebenso hat Chemnitz mit KRACH! ein eigenes Förderprogramm für Unternehmensgründungen aus den kreativen Berufen. Die Gewinner erhalten kostenfreie Mietflächen und ein Startgeld. Doch auch für Startups mit mehr Kapitalbedarf hat die Region etwas zu bieten. Gerade in Chemnitz kann man mit einer guten Geschäftsidee viele Vorteile nutzen. Die Miete ist günstig, auch das Personal im Vergleich zu vielen anderen Großstädten. Ist die Idee gut, findet man häufig eine Finanzierung, denn hier hat Sachsen mit dem Technologiegründerfonds Sachsen richtig was zu bieten. Zudem gibt es vor Ort noch ein eigenes Business Angels Netzwerk.“

Jun.-Prof. Dr. Mario Geißler von der Technischen Universität Chemnitz

Auffallend ist auch, dass Chemnitz im Vergleich zu den anderen kreisfreien Städten über die wenigsten Dienstleistungsanbieter rund ums Gründen hat.

Und es fehlt an Events für Gründer.

Potenzial für Gründer:

Chemnitz bietet viel Raum zum Entfalten. Häufig hört man von Gründern, das es hier noch nicht fertig ist und man sich einbringen kann.

Faktor 3: Gründerszene in Chemnitz – diese Startups gibt es

Auch wenn die Szene noch nicht boomt, das heißt nicht, in Chemnitz wird nicht gegründet. Tatsächlich findet ihr ein paar wirklich spannende Startups in der Stadt:

  • Staffbase beispielweise hat bundesweit für Aufmerksamkeit gesorgt, als es mit e.ventures, Kizoo und Capnamic Ventures namhafte Investoren überzeugen konnte und nun seine Mitarbeiter-App auch in den USA vertreibt. Mit der zweiten Wachstumsfinanzierung stehen dem Unternehmen genügend Mittel zur Verfügung, um weltweit zu expandieren. Aktuell betreibt das Unternehmen mit dem Hauptstandort Chemnitz weitere Büros in New York, London, Amsterdam, Köln und Dresden.
  • Nicht weniger spannend und IT-getrieben ist Naventik, die Steuerungssoftware für autonomes Fahren entwickeln. Damit fügt sich das Startup in ein regionales Cluster zum autonomen Fahren ein. Hinter CADA, der Chemnitz Automated Driving Aliance, stehen mit der FD Tech, Baselbas, Intenta, Fusion Systems und Naventik fünf international vernetzte Spezialisten in diesem Bereich.
  • Comcrypto aus Chemnitz baut an der Internetsicherheit von morgen – und hat natürlich auch schon Lösungen für heute.
  • Weitere Startups aus der Stadt sind LiGenium, inca-fiber, e.artis, meetwise oder Wisefood.

Vorteile für Gründer:

Es ist immer gut, wenn man anderen auf die Finger schauen kann und aus deren Gründerstories lernen kann. Das geht hier in Chemnitz recht gut. Zum einen gibt es die Erfolgreichen – zum anderen ist die Szene überschaubar und die Macher offen und ansprechbar.

Faktor 4: Top Wissenstransfer – TU Chemnitz für Entrepreneure

Wie die Studie „Gründen in Sachsen“ feststellt: Im Bereich Wissenstransfer schneidet Chemnitz deutlich besser ab als der Landesdurchschnitt. Als Gründe gelten der hohe Bevölkerungsanteil mit Hochschulabschluss und ein ausgeprägtes Unternehmertum an der Hochschule. Die hiesige Technische Universität ist da ein wesentlicher Faktor, die Uni hat eine Juniorprofessur Entrepreneurship in Gründung und Nachfolge, übrigens eine Stiftungsprofessur der Sparkasse Chemnitz. Also auch hier – die Verzahnung in die Wirtschaft ist vorhanden.

Der leitende Juniorprofessor Mario Geißler ist recht umtriebig und bietet mit der Impact Challenge und dem Digitalen Startup Assistenten spannende Formate für die Beratung und Unterstützung von Gründern.

Vorteile für Gründer:

Ganz klar, wenn die hiesige Uni auf Gründer setzt und diese unterstützt, dann hat das Auswirkung auf die gesamte Gründerszene einer Stadt. In Chemnitz funktioniert das schon gut. So könnt ihr auch hier vor allem bei Technologie-Gründungen gut andocken.

Faktor 5: Gründerzentren und Hub – das sind die Enabler in Chemnitz

Bezüglich Unterstützung erreicht Chemnitz laut der Studie „Gründen in Sachsen“ einen Wert über dem sächsischen Durchschnitt. „Gemäß des Bundesverbandes Deutscher Innovations-, Technologie- und Gründerzentren stehen angehenden Gründern in der Stadt neun Branchennetzwerke, sieben Technologie- und Gründerzentren und drei Coworking Spaces zur Verfügung“, heißt es in der Studie. Wir haben für euch sogar ein paar mehr gefunden, schaut doch mal in unseren Fachartikel Coworking Chemnitz – die besten Coworking Spaces in Chemnitz | Liste 2019.

Und: Mit dem Gründernetzwerk SAXEED gibt es auch eine wichtige Anlaufstelle für neue Geschäftsideen.

Faktor 6: Wichtiges Gründerumfeld – Chemnitzer Reichtum

Die Chemnitzer haben eine leicht höhere Kaufkraft als der Landesdurchschnitt. Das heißt nicht im Umkehrschluss, dass sie es auch gern und locker ausgeben – tatsächlich gelten die Chemnitzer nicht als geizig aber sparsam. Mieten, Eintrittspreise für Events – in Chemnitz ist das noch nicht mit Leipzig und Dresden vergleichbar und deutlich preiswerter. Und so manches Event ist auch schlicht kostenlos.

Vorteile für Gründer:

Die Kaufkraft ist vor allem für die Gründer unter euch interessant, die auf regionale Käufer hoffen. Die gute Nachricht ist: Chemnitzer können es bezahlen, die Frage ist eher, ob sie es wollen. Hier solltet ihr vor allem auch die demografischen Werte der Stadt beachten.

Faktor 7: Kenne deine Zielgruppe – Chemnitzer Demografie-Werte

Zwischenzeitlich mal die im Durchschnitt älteste Stadt Deutschlands, prognostiziert sogar Europas – Chemnitz sind nach der Wende vor allem die jungen Menschen weggelaufen. Und damit stieg der Altersdurchschnitt. Das dreht sich gerade und ganz langsam, es gibt Zuzug und da auch von Jungen, immer häufiger auch von jungen Familien. Doch immer noch ist die Gruppe der 60+ ein sehr prägenter Teil der Stadt: Diese Zielgruppe anzusprechen und zu aktivieren, hat Potenzial.

„Es überrascht, dass die Zielgruppe 60+ noch sehr selten von Startups bewusst angesprochen wird. Hier gibt es also Potenzial. Im Q-HUB Chemnitz organisieren wir Workshops und Veranstaltungen, um Startups mit Vertretern älterer Zielgruppen in Kontakt zu bringen. Wir wollen, dass die Gründer schnellstmöglich und einfach ihre Zielgruppe kennenlernen und ihre Ideen früh an den späteren Kunden und Nutzern testen. Dafür haben wir hier in Chemnitz perfekte Rahmenbedingungen. Aktuell haben wir ca. 50 Senioren in unserer Testdatenbank, die Gründungsideen gern diskutieren.”

Jun.-Prof. Dr. Mario Geißler, Mitgründer des Q-HUB Chemnitz

Und die Stadt hat neben der ungünstigen Altersstruktur auch den geringsten Künstleranteil im Vergleich der sächsischen Städte.

Potenziale für Gründer:

Klar nicht jede Gründung richtet sich an Silverager. Wenn ihr aber eine solche Geschäftsidee habt – in Chemnitz lässt sie sich ausprobieren.

Faktor 8: Infrastuktur – Schnelle Bewegung in Chemnitz

Die Infrastruktur von Chemnitz ist bei einigen Faktoren besser als im Rest des Landes: Durchschnittliche 8 Minuten mit dem PKW braucht man zur nächsten Bundesautobahn, das Straßennetz ist besonders dicht und auch der öffentliche Personennahverkehr. „Gründer profitieren außerdem von einem günstigen Mietpreisniveau“, wie die Autoren der Studie Gründen in Sachsen schreiben. Und der Breitbandausbau ist überdurchschnittlich gut.

Doch es gibt auch Mängel: Chemnitz hat keinen IC- und ICE-Anschluss. Die nächsten Flugplätze sind in Dresden und Leipzig. Und das Fahrradwege-Netz der Stadt ist quasi nicht existent – auch hier gibt es viel Nachholbedarf.

Potenziale für Gründer:

Mängel sind ja auch immer Potenziale. Gründerideen, die sich mit Mobilität und der Verbesserung der Infrastruktur beschäftigen, sind hier gern gesehen.

Fazit zum Gründerökosystem Chemnitz

Wie sehr vieles in Chemnitz gibt es eine Gründerszene in der Stadt – sie hat aber Entwicklungspotenzial. Insbesondere die Satelliten-Angebote rund ums Gründen könnten ausgebaut werden – für Business Angel, Gründerberater und Dienstleister ist hier noch Platz.

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