Potenzial des Gründerökosystems Rhein-Main | RKW-Experte Matthias Wallisch im Interview

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„Es gibt kaum eine Region in Deutschland mit einer derart geballten Power an Finanz-Know-how wie im Rhein-Main-Gebiet“, sagt Dr. Matthias Wallisch vom RKW Kompetenzzentrum. Dass die Region aber mehr ist als Fintech, welche Startups, Acceleratoren und Anlaufstellen für Gründer relevant sind, erklärt der Gründungsexperte in diesem Interview.

Gründerküche: Das Gründerökosystem Rhein-Main war gerade Gegenstand einer großen Studie des RKW Kompetenzzentrums. Was sind Ihre Erkenntnisse zum Standort?

Dr. Matthias Wallisch: In der Rhein-Main-Region hat sich in den letzten Jahren eine dynamische Startup-Szene entwickelt. Betrachtet man die Zahl an neuen High-Tech-Unternehmen so zählt die Region zu den stärksten fünf Standorten in Deutschland. High-Tech-Gründungen allein sind jedoch noch kein Beleg für eine funktionierende Startup-Szene. Außerdem handelt es sich lediglich um ein kleines Segment aller Gründungen. Wesentliche Elemente einer lebendigen Startup-Community sind insbesondere regionale Netzwerke und Möglichkeiten für persönliche Treffen. Hier hat sich in der Rhein-Main Region in den letzten Jahren auf jeden Fall viel bewegt. Nahezu jeden Abend gibt es mindestens ein Event.
Rhein-Main wird jedoch von außerhalb noch zu selten als Gründungsregion wahrgenommen. Die überregionale Anziehungskraft für die nationale und internationale Startup-Szene ist noch relativ gering. Der überwiegende Teil an erfolgreichen Startup-Gründern kommt aus der Region selbst. Andere Städte erzeugen hier mehr Aufmerksamkeit, wie z.B. München mit seiner Bits & Bretzels Veranstaltung.

Gründerküche: Es scheinen vor allem die Leuchtturmprojekte zu fehlen?

Dr. Matthias Wallisch: Möglicherweise. Ein internationales Event wie in München gibt es hier noch nicht. Wobei die Infrastruktur und Unterstützung für Startups absolut konkurrenzfähig sind. Mit dem Fokus auf die Fintech-Szene besteht die Chance, größere internationale Aufmerksamkeit zu bekommen. Allerdings darf man nicht vergessen, dass die Gründer- und Startup-Szene bisher von anderen Branchen wie Big Data, E-Commerce und Digital Media getragen wurde. Rhein-Main sollte auch in Zukunft nicht nur Fintech sein, sondern hat viel mehr zu bieten.

Gründerküche: Wie sieht es mit Anlaufstellen für Gründer aus (Acceleratoren usw), die auch international wahrgenommen werden?

Dr. Matthias Wallisch: Vor wenigen Wochen ist das Accelerator Frankfurt Programm gestartet. Eine vielversprechende Initiative, die Startups mit der Finanzbranche vernetzt. Zum Jahreswechsel 2017 geht das Tech Quartier an den Start. Initiator ist die Stadt Frankfurt und das Land Hessen. Das Quartier bietet neben Raum für Startups auch Events, Fortbildungen und Kontakte für Startup-Gründer. Wenn alle regionalen Stakeholder an einem Strang ziehen, kann das Quartier zu einem internationalen Knotenpunkt für die (Fin)tech-Szene werden.
Darüber hinaus gibt es noch viele andere Unterstützungseinrichtungen, wie beispielsweise das Gründerzentrum KOMPASS im Osten der Stadt. Hier findet man eine beträchtliche Zahl an internationalen Startups.

Gründerküche: Letztlich sind es die erfolgreichen Startups, die ein Gründerökosystem bekannt machen. Gibt es denn in Rhein-Main Gründer, auf die man bundesweit aufmerksam geworden ist?

Dr. Matthias Wallisch: Es gibt eine Reihe von Startups in der Region, über die in den letzten Jahren deutschlandweit berichtet wurde. Wenn man sich im Fintech-Bereich umsieht, fallen mir spontan vaamo aus Frankfurt ein. Das Startup bietet einen innovativen Service zur Geldanlage und zum Vermögensaufbau. Oder Fintura aus Darmstadt – ein Finanzportal für den Mittelstand. Dr. Severin – ein Online-Händler für Intim-Aftershaves, schaffte es sogar bis in die Höhle der Löwen und überzeugte die Investoren.

Gründerküche: Was sind deren besondere Ansätze und Unterschiede im Vergleich zu anderen Gründerökosystemen?

Dr. Matthias Wallisch: Bei den Fintech-Startups liegt es auf der Hand. Es gibt kaum eine Region in Deutschland mit einer derart geballten Power an Finanz-Know-how. Hiervon profitieren die Gründer bei der Entwicklung ihrer Dienstleistungen und Produkte. Wettbewerbsrelevante Infos sind hier häufig schneller zugänglich als in anderen Städten. Dr. Severin wurde durch den Unibator der Goethe-Universität unterstützt. Hier sehe ich jedoch keinen regionsspezifischen Ansatz. E-Commerce ist da tendenziell weniger Standortabhängig. Wobei die zentrale geographische Lage Frankfurts durchaus von Vorteil sein kann.

Gründerküche: In der Branche wird man besonders aufmerksam, wenn große Exits gelingen. Gibt es hier Beispiele aus Rhein-Main?

Dr. Matthias Wallisch: Im Sommer 2015 hat die Deutsche Börse für 725 Millionen Euro die Devisenplattform 360T gekauft. Die Plattform wurde bereits 2000 gegründet und arbeitete seit über 10 Jahren profitabel. In dieser Hinsicht war 360T zum Zeitpunkt der Übernahme kein richtiges Startup mehr. Der Deal sorgte auf jeden Fall für Anerkennung in der Szene.

Gründerküche: Sie forschen zu vielen verschiedenen Gründerökosystemen weltweit. Welche Chancen hat Rhein-Main, in der Gründerszene relevanter zu werden?

Dr. Matthias Wallisch: Die Chance der Rhein-Main-Region sich als erfolgreiches Gründerökosystem zu etablieren liegt insbesondere in der Spezialisierung auf ausgewählten Kompetenzfeldern. Denn Berlin ist hinsichtlich der Gesamtzahl an Startups und der Attraktivität als Startup-Hochburg mit internationaler Attraktionskraft kaum mehr einzuholen. Der Bereich FinTech bietet sich aufgrund der einzigartigen Kompetenten in der Finanzbranche an.
Auch die Segmente Big Data und E-Commerce bieten aussichtsreiche Entwicklungschancen aufgrund einer Reihe von komparativen Standortvorteilen der Rhein-Main-Region. Darüber hinaus gilt es schrittweise einen Imagewandel zu gestalten, so dass die die Rhein-Main-Region auch auf nationaler und internationaler Ebene stärker als Arena für Startups in den Fokus rückt.

Zur Person Dr. Matthias Wallisch

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Dr. Matthias Wallisch ist stellvertretender Leiter des Fachbereichs Gründung & Innovation im RKW Kompetenzzentrum. Er beschäftigt sich mit der Analyse und Gestaltung von Gründerökosystemen. Als studierter Wirtschaftsgeograph mit Promotion zum Thema Investitionsverhalten von Business Angels war er beim RKW Kompetenzzentrum Projektleiter für den Wissenstransfer für KMUs. Nach Forschungsaufenthalte in Vancouver (CA) und Berlin und Untersuchungen der dortigen Startup- und Business Angels-Szene analysiert Wallisch für das RKW deutsche Gründerökosysteme: Gerade hat er eine Studie zum Gründerökosystem Rhein-Main verfasst. Diese ist online abrufbar unter RKW Kompetenzzentrum.

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