Tierarztpraxis eröffnen: So macht ihr euch als Tierarzt selbstständig

In kaum einem anderen Land der Welt geht es Haustieren so gut wie in Deutschland. Unterstützt werden Millionen leidenschaftliche Halter von gut ausgebildeten Tierärzten – ein Beruf mit Potenzial. Wie ihr eure eigene Tierarztpraxis eröffnet, erfahrt ihr hier.

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Laut offizieller Statistik ist der beste Freund des Menschen weiterhin millionenfach in Deutschland anzutreffen. Mit rund 34 Millionen Haustieren belegt Deutschland vor Italien und Frankreich, jedoch hinter Russland, den zweiten Platz was die Anzahl der Haustiere in Europa angeht. Mit rund 10,56 Millionen Hunden in deutschen Haushalten sind Hunde das zweitbeliebteste Haustiere, das beliebteste Haustier der Deutschen ist weiterhin die Katze. Zahlen wie diese erfreuen nicht nur Tierfreunde, sondern sind auch wichtig für den Jobmarkt und die Aussichten angehender Professionals. Denn selbst unter den vielen heutigen Berufsprofilen schafft es der Veterinär hervorzustechen.

Schritt 1 zur Haustierpraxis: Von der Idee zur Planung | Ausbildung & Praxis

Wegen des anspruchsvollen Studiums, das hierzulande nur an fünf Universitäten angeboten wird, sowie der Bedeutung für die Gesellschaft ist der Beruf des Tierarztes hoch angesehen. Hinzu kommt der ideelle Mehrwert, den der Job genau wie alle anderen medizinischen Tätigkeiten in sich trägt.

Ebenfalls offensichtlich ist dabei ein weiterer Aspekt: Gemessen den Fähigkeiten und der Verantwortung scheint ein Durchschnittsgehalt von 3.200 Euro pro Monat nicht unbedingt hoch. Der beste Weg, um die finanziellen Rahmenbedingungen zu verbessern, ist der Schritt in die Selbstständigkeit. Allerdings bedeuten Gründung und Betrieb einer eigenen Praxis viele ein Know-how, das nicht im Studium abgedeckt wurde.

Voraussetzung für die eigene Tierarztpaxis: das Veterinärmedizinstudium

Wer Tierarzt werden möchte, muss das Studium der Tiermedizin abschließen. Der Studiengang wird in Deutschland an nur fünf Hochschulen angeboten und zwar in

Es gibt deutlich mehr Bewerber als Studienplätze, um einen davon zu ergattern, müsst ihr also entweder eine sehr gute Abiturnote vorweisen oder aber euch auf bis zu zehn Wartesemester einstellen.

Fakten zum Studium:

Regelstudiendauer beim Veterinärmedizinstudium: 11 Semester

vorklinisches Studium (4 Semester) mit Physik, Chemie, Zoologie und Botanik, Anatomie, Histologie, Physiologie, Biochemie, Tierzucht und Genetik

klinisches Studium (5. bis 11. Semester) mit Tierhaltung, Tierschutz, Tierernährung, Pharmakologie, Lebensmittelkunde, Innere Medizin und Chirurgie

eine Reihe von Praktika während des Studiums

Abschluss mit Staatsexamen, nach dessen Bestehen man die Approbation als Tierarzt erhält

Jobmöglichkeiten neben der eigenen Praxis

Insbesondere, um erste praktische Erfahrungen im Beruf zu sammeln, solltet ihr überlegen, vor eurer Praxiseröffnung in diesen Bereichen zu arbeiten:

  • in einer anderen Kleintier- oder Großtierpraxis
  • in der Tierklinik
  • im öffentlichen Veterinärwesen
  • in Forschung und Lehre
  • in der freie Wirtschaft (z. B. Pharmaindustrie)
  • in Zoos und Wildparks

Spezialisierungen & Weiterbildungen als Tierarzt

Schon im Studium könnt ihr eure Fachkenntnisse vertiefen und eine Promotion anstreben. Abgesehen von einer Karriere im Universitätsbetrieb könnt ihr nach der Abgabe einer wissenschaftlichen Arbeit den Namenszusatz Dr. med. vet. tragen.

Außerdem gibt es Weiterbildungen zum Fachtierarzt, entweder auf einem medizinischen Fachgebiet wie Innere Medizin oder Chirurgie oder ihr spezialisiert euch auf Tiergruppen wie Kleintiere, Reptilien oder Pferde. Mit dem Facharzt definiert ihr eure Gründung der eigenen Tierarztpraxis natürlich auch: Wollt ihr etwa auf dem Land für die Landwirte als Tierarzt arbeiten, solltet ihr eine entsprechende Spezialisierung anstreben.

Abgesehen davon unterliegen Veterinärmediziner der Pflicht zur tierärztlichen Weiterbildung, müssen also innerhalb von drei Jahren 60 Stunden an Fortbildung teilnehmen.

Approbation – Erlaubnis zur Berufsausübung

Habt ihr das Staatsexamen am Ende des Studiums bestanden, benötigt ihr die Approbation. Unter der Approbation versteht man die Genehmigung zur Berufsausübung von Ärzten, Zahnärzten, Apothekern, Tierärzten und Psychotherapeuten. Die Approbation berechtigt zur vollständigen und uneingeschränkten Tätigkeit als Arzt und wird entsprechend der Approbationsordnungen erteilt.

Schritt 2 Tierarztpraxis eröffnen – die Wirtschaftliche Prüfung

Auch wenn die Chancen grundsätzlich gut stehen (genügend Kunden, wachsender Markt): Natürlich solltet ihr eure Gründung wie jede Unternehmung gut planen und kalkulieren. Dazu gehört ein Businessplan.

Wichtige Überlegungen für den Tierarzt-Businessplan

  • Wie sieht die Konkurrenzlage aus, kommen Fachärzte als Partner in Frage?
  • Wie häufig ist eure angestrebte Spezialisierung?
  • Welche Immobilien würden sich für eine Praxis eignen, was sind die Kosten?
  • Welche Ausstattung benötigt ihr – auch hier die Kosten?
  • Welche Versicherungen sind notwendig?
  • Wieviel Personal braucht ihr und wo bekommt ihr das her?
  • Wieviel Geld benötigt ihr für euch selbst (Unternehmerlohn!)?
  • Wie kommst du an Kunden? Auch hier unbedingt die Werbekosten aufstellen!

Lesetipp: Wie ihr einen Businessplan schnell und effektiv erstellt, erfahrt ihr in unserem Fachartikel Basics: In 7 Schritten zum Businessplan.

Herausforderungen einer Tierarztpraxis-Eröffnung

Substanzwert, Praxisaufschlag, Renovierung, Umbau und Anschaffung von Praxis­geräten: Die Investitionskosten für eure Praxis sind hoch. Die durchschnittlichen Kosten und Ausgaben für eine Arztpraxis betragen 50% der Einnahmen. Dabei stellen die Personalkosten die höchsten Ausgaben in einer Tierarztpraxis dar, gleich darauf folgend die Mietausgaben.

Den Beginn macht die Kalkulation für das benötigte Gründungsbudget, direkt gefolgt vom möglichen Startkapital. Beides geht Hand in Hand und Gespräche mit der Bank oder anderen Kreditgebern sind in dieser Phase unerlässlich.

Im selben Zug erfolgt die Honorar- und Preiskalkulation. Hierbei sind Standortfaktoren zu berücksichtigen, etwa die Menge der potenziellen Patienten im Einzugsgebiet und die Einnahmemöglichkeiten, die damit zusammenhängen. Daraus ergibt sich eine erste Umsatzprognose, die wiederum in den ersten Punkt, die generelle Finanzplanung, miteinfließt.

Direkt damit verbunden ist die strategische Ausrichtung: Viele Tierärzte sind auf bestimmte Rassen und Arten spezialisiert, was andere Arten wiederum ausschließt. Dieser Aspekt ist nicht zuletzt wichtig für die Auswahl eines geeigneten Standorts – schließlich benötigt eine Kleintierpraxis ganz andere Voraussetzung als eine Praxis für Nutztiere wie Pferde, Rinder oder Schweine.

Immobiliensuche: In jedem Fall stellt der Tierarztberuf sehr spezielle Bedingungen an die Räumlichkeiten. Verglichen mit anderen Branchen geht es durchaus komplex zu, da Räume wie Labor, Wartezimmer, Behandlungsraum, Röntgenraum, Operationsraum und Unterbringungsmöglichkeiten existieren müssen.

Bei der Planung müssen Gründer außerdem an Größe und mögliche Skalierungsmöglichkeiten denken: Wie viele Angestellte sollen im Betrieb arbeiten und welche Optionen eröffnen sich dadurch? Dies wiederum ist untrennbar mit der Immobilienwahl verbunden.

Kosten einer Kleintierpraxis

Kleintierpraxen sind die häufigste Praxisform, im Schnitt benötigt ihr für eine Neugründung insgesamt knapp 160.000 Euro.

Die Übernahme einer bestehenden Praxis kostet in etwa durchschnittlich 123.000 Euro, inklusive Ausgaben für die Modernisierung, also Umbaumaßnahmen, neue Geräte und Einrichtung solltet ihr eher im Schnitt 180.000 Euro rechnen.

©istock.com/andresr

Schritt 3 Anmeldungen | Arztregister & Co

Ein weiteres und ganz eigenes Kapitel sind die behördlichen Vorgaben. Dabei ist zu beachten, dass es je nach Region spezifische Vorschriften geben kann. Die Einhaltung dieser ist die absolute Grundvoraussetzung für den Betrieb und deswegen von elementarer Bedeutung.

Grundsätzlich zählen Tierärzte zu den Freien Berufen (Katalogberufen). Enstsprechend benötigt ihr keine Gewerbeanmeldung. Anders sieht es aus, wenn etwa der Verkauf von Zubehör für Haustiere, das ganz klar keinen medizinischen Nutzen aufweist, wesentlicher Teil eurer Unternehmung ist. Dann müsst ihr die freiberuflichen und die gewerblichen Einnahmen buchhalterisch getrennt erfassen.

Die Niederlassung als Tierarzt ist nur mit einem entsprechenden Studienabschluss bzw. der erforderlichen Approbation möglich. Vor der Eröffnung einer Tierarztpraxis besteht eine Meldepflicht beim Veterinäramt und der Kreisstelle der Tierärztekammer.

Und ihr müsst euch innerhalb von einer Woche nach der Aufnahme der selbstständigen Tätigkeit bei der entsprechenden Berufsgenossenschaft melden.

In aller Regel benötigt ihr eine tierärztliche Hausapotheke für eure Praxis. Diese muss beim zuständigen Amtstierarzt angezeigt werden. Für den Erstantrag müsst ihr eure Approbationsurkunde und Hausapothekenbescheinigung an das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte senden. Wollt ihr Röntgengeräte nutzen, bedarf einer gesonderten Genehmigung.

Außerdem solltet ihr euch vor möglichen finanziellen Risiken schützen und dafür eine Berufshaftpflicht-, Inventar- und auch Rechtschutzversicherung abschliessen.

Schritt 4 Praktische Schritte zur Tierarztpaxis

Achtet darauf, dass euer Mietvertrag explizit die Eröffnung einer Tierarztpraxis nennt. Entsprechende Nutzungsregelungen sollen beiden Seiten Rechtssicherheit eröffnen.

Bauliche Maßnahmen in Bezug auf die Praxisräume müssen frühzeitig beantragt werden. Was die Abnahme von Praxisräume angeht, so kommt neben dem Veterinäramt ggf. ebenfalls die Gewerbeaufsicht ins Spiel.

Alle eure Geräte und Elektroinstallationen müssen vom TÜV abgenommen werden.

Spezialisierung als Erfolgsfaktor

Heimtiere, besonders Hunde und Katzen, werden immer mehr als Familienmitglieder betrachtet. Entsprechend nimmt die Intensität der Betreuung durch den Tierarzt zu. Spezialisten sind dabei mehr und mehr gefragt, z. B. für Dermatologie, Naturheilverfahren, Verhaltenstherapie oder für spezielle Tiergruppen wie Ziervögel, Fische und Reptilien. Hier besteht viel Potenzial für eure Gründung. Mögliche Spezialisierungen:

  • Nutztierpraxis (v. a. Rinder, Schweine, Schafe, Ziegen, Nutzgeflügel)
  • Pferdepraxis/Pferdeklinik
  • Kleintierpraxis/Kleintierklinik
  • Gemischtpraxis (Klein-und Nutztiere)
  • Spezialpraxis z. B.
    • Vögel
    • Reptilien
    • Fische
    • Verhaltenstherapie
    • Naturheilverfahren / Regulationsmedizin
    • Augenheilkunde
    • Chirurgie

Schritt 5 zur Tierarztpraxis | Marketing für eure Praxis

Sympathisch auf sich aufmerksam machen – das ist auch für eure Praxis wichtig. Es gibt viele Möglichkeiten, ihr solltet euch selbst klar machen, wo eure Kunden sind und wie ihr sie erreicht. Als Tierarzt auf dem Lande geht das sicher auf anderen Wegen als mit einer Kleintierpraxis in der Großstadt.

Website als Visitenkarte und Buchungstool

Beinahe jeder Kunde informiert sich über das Internet. Auch Bestandskunden schauen dort nach Öffnungszeiten, informieren sich über Sonderleistungen oder suchen einfach nur die Telefonnummer. Ihr solltet also eine einfache aber funktionierende und am besten für Google optimierte Website erstellen (lassen).

Möglich wäre hier auch eine Anbindung an euer Terminplanungstool.

Weitere Infos hier: Eigene Homepage in Planung? Diese 6 Möglichkeiten zur Website Erstellung gibt es

Google Places & Co – sichtbar im Netz

Eine Arztpraxis googlen führt in aller Regel zuerst auf den Eintrag bei Google selbst, dann auf die Website der Praxis. Also solltet ihr eure Einträge bei Google Business und Google Places entsprechend anlegen, bzw. aktuell halten. Der Eintrag bei Google MyBusiness (damit ihr dann auch auf der Google Maps Karte angezeigt werdet) ist kostenlos und recht einfach selbst anzulegen.

Unsere Anleitung dazu findet ihr hier:

Google MyBusiness Eintrag anlegen – In 10 Schritten

Übersicht Branchenportale: Hier lohnt sich euer Eintrag

Tierarztpraxis als Schaufenster

Der Tierarzt von heute ist nicht nur kompetent in Sachen Tierwohl. Neben akuten Fällen spielt die Gesundheitsvorsorge von Tieren eine immer größere Rolle; das steigende Durchschnittsalter, wie es bei Hauskatzen und Hunden seit Jahren zu beobachten ist, spricht für sich. Aspekte wie Ernährungstrends sind deswegen umso wichtiger und längst Bestandteil der öffentlichen Diskussion.

Darüber hinaus soll die moderne Veterinärpraxis ein Ort sein, an dem sich Tiere und ihre Besitzer während des Aufenthalts gleichermaßen wohlfühlen. Vorbei sind die Zeiten kühler, grell beleuchteter Räume mit Steinfliesen, was nicht zuletzt der heutigen Immobilienlandschaft und den innovativen Einrichtungs- und Ausstattungsoptionen zu verdanken ist.

Vermittelt wird all dies schlussendlich per Marketing, das wiederum aus etlichen Unterpunkten besteht und deswegen gerne an Profis ausgelagert wird. Kernkompetenz im Gebiet der Tiermedizin wird ohnehin vorausgesetzt, wichtiger ist es folglich, die besonderen Eigenschaften sowie das Gesamtkonzept der Praxis hervorzuheben. Gelingt dies, können sich junge Praxen auch im bestehenden Wettbewerb schnell etablieren, sofern sie alle Stellschrauben bedenken. Die Nachfrage wächst schließlich weiterhin und alleine diese Perspektive legitimiert die Gründung.

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